Vom Zerbrechen einer Utopie: 1968 wurde das sizilianische Städtchen Gibellina von einem Erdbeben zerstört und Jahre später voller Enthusiasmus wieder aufgebaut. Doch das Projekt ist gescheitert. Ein ganz spezielles Stadtporträt von Joerg Burger.
Im äußersten westlichen Eck von Sizilien liegt das Städtchen Gibellina. Fast 4500 Einwohner hat der kleine Ort, die meisten leben von der Landwirtschaft. Doch seit dem 15. Jänner 1968 ist Gibellina keine ganz normale sizilianische Kleinstadt mehr: Bei einem schweren Erdbeben wurde sie komplett zerstört. Und anstatt sie an derselben Stelle wieder aufzubauen, ließ man die Ruinen stehen und errichtete 18 Kilometer weiter mit großen Enthusiasmus ein neues Gibellina, nach dem Reißbrett, nach utopischen Idealen und mit einem anspruchsvollen Programm für Kunst im öffentlichen Raum - gegen die traditionellen Kräfte aus Bürokratie, korrupter Politik und sizilianischer Mafia. Ganz anders als die gewachsenen sizilianischen Kleinstädte ist Gibellina nun klar strukturiert, mit geraden Straßenzügen, und regelmäßigen Grünflächen. Und noch etwas ist ganz anders: Die Stadt gilt heute als größtes Freilichtmuseum Italiens, wenn nicht Europas. Seit den 70er Jahren haben hier unzählige Architekten verschiedene moderne Skulpuren in der Landschaft und mitten im Ort platziert.
Ein Teil der Ruinen des alten Gibellina wurde von dem Künstler Alberto Burri unter einer dicken Schicht aus weißem Zement begraben, begehbare Einschnitte über den alten Gassen vermitteln einen Eindruck von der Enge der ursprünglichen Stadt. Doch aller Beton kann die Erinnerung an das alte Gibellina nicht zudecken. Das Konzept der neu aufgebauten Stadt wurde von den Bewohnern nie richtig angenommen, einige Teile der neuen Stadt sind nicht mehr bewohnt. Viele Monumente und Kunstwerke, etwa die weiße Kugelkirche La grande Sfera von Ludovica Quaroni, sind verfallen.
Der österreichische Dokumentarfilmer Joerg Burger (Artikel 7 - Unser Recht) hat die Stadt besucht, um der gescheiterten Utopie von Nueva Gibellina auf die Spur zu kommen. Menschenleere Straßen, unzählige drop-sculptures, jedoch keine heiß ersehnten Touristen: Burger dokumentiert in langen Einstellungen die Diskrepanz zwischen Architektur, Kunst und Alltagsleben. In dem komplexen Stadtporträt Gibellina - Il Terremoto beschreibt er, wie sich die erhoffte Erfolgsstory einer Stadt, in der die Kunst nach dem Plan der Stadtväter der „eigentliche Motor der Energie des Menschen" sein sollte, zum Fiasko entwickelte. Entgegen den Plänen, die verkrustete feudale Struktur eines von der Mafia geknechteten Landes durch die Kraft der Kunst aufzubrechen, ist Gibellina zu einem Ort ohne Zentrum und ohne Seele geworden. Die Stadt ist knapp vierzig Jahre nach dem Erdbeben und seinem Neubau dem sozialen und baulichen Verfall preisgegeben. „Erinnerungen sind wichtig", sagt der pensionierte Bürgermeister im Interview mit Joerg Burger, „doch ebenso wichtig ist es, Erinnerungen zu verlieren, um Platz für etwas Neues zu schaffen." Doch das Neue wollte hier niemand haben: Über die Zukunft, die so leuchtend hätte sein können, wächst schon wieder Gras.
Filminfo & Credits |
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| Titel | Gibellina - Il terremoto |
| Originaltitel | Gibellina - Il terremoto |
| Genre | Dokumentation |
| Land, Jahr | Österreich, 2007 |
| Länge | 72 Minuten |
| Regie | Joerg Burger |
| Kamera | Johannes Hammel |
| Schnitt | Joerg Burger |
| Musik | Cicco Busacca, Antonia Busacca |
| Produktion | Joerg Burger |
| Verleih | Sixpack Film |
Bewertung |
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| Humor | |
| Action | |
| Spannung | |
| Anspruch | |
| Romantik | |
| Erotik | |