Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte

Große Firmen verdienen Millionen am Tod ihrer Mitarbeiter, Tausende Familien werden aus ihren eigenen Häusern geworfen und den Wallstreet-Kaisern dafür Milliarden in den Popo geschoben: Michael Moore widmet sich in seinem neuen Film dem Irrsinn, der Realität heißt.

"Es gibt einfach keine Argumente dafür, dass 1% der Menschen über 99% des Vermögens verfügen!" poltert Michael Moore und präsentiert in seinem neuesten Film Beispiele aus dem ganz alltäglichen Irrsinn des kapitalistischen Alltags - 20 Jahre nach seiner ersten Doku Roger and Me, in der er den Niedergang von General Motors kommentiert, muss er feststellen, dass alles nur noch schlimmer geworden ist.

Eine Familie, die unter Androhung von Waffengewalt aus ihrem eigenen Haus geworfen wird, weil ihr Kredit schon so oft innerhalb von Fonds und Anleihen weiterverkauft worden ist, dass niemand mehr weiß, wem die Familie das Geld eigentlich wirklich schuldet, und alle das Geld samt Wucherzinsen auf einmal wollen. Ein trauernder Witwer, nun allein erziehender Vater, der durch Zufall erfährt, dass auf den Kopf seiner viel zu früh verstorbenen Frau eine lukrative Lebensversicherung abgeschlossen war - allerdings keineswegs mit der Familie als Begünstigte, nein, der ehemalige Arbeitgeber kassierte die volle Versicherungssumme! Eine beliebte Praxis bei einigen großen US-Firmen, die so nicht nur von der Arbeitskraft lebender Menschen profitieren, sondern auch noch von deren Tod. Oder der Richter, der sich mit dem Errichter eines privaten Jugendgefängnisses verbündet, das vom Staat für jeden Insassen bezahlt wird - und sich grinsend satte Provisionen einsackt, wenn er hunderte Jugendliche seines Landstriches wegen Lächerlichkeiten hinter Gitter steckt.

Millionen Menschen können sich keine Krankenversicherung leisten, während eins der größten Bankhäuser der USA, Goldman Sachs, seine Verbindungen ins Weiße Haus nützt, um sich und nahe stehenden Bankhäusern Finanzhilfe von unglaublichen 700 Milliarden US-Dollar auszahlen zu lassen - unter Bedingungen, die unliebsame Konkurrenz für immer ausschaltet. "Was ist mit diesem Geld passiert?" fragt Michael Moore, und blickt in ratlose Gesichter: "Keine Ahnung ..."

"Was glauben Sie, was hierzulande los wär', wenn mehr Leute merken würden, was hierzulande los ist", sagt der deutsche Kabarettist Volker Pispers und trifft den Nagel auf den Kopf. Michael Moores großer Verdienst als Filmemacher ist es, dass er aus der Masse der Millionen Dinge, die eigentlich gar nicht passieren dürften, einige wenige wirkliche Schweinereien exemplarisch herausstellt und mit ihnen meisterhaft ein Bild der Lage zeichnet, das uns allen ganz genau beschreibt, was los ist: Dass sich hinter der bunten pseudodemokratischen Kulisse der Politik einige Wenige unbehelligt die Bäuche vollschlagen und doch den Hals nie vollkriegen. Und das ist keine linke Propaganda, das ist die Realität - denn bei dieser Liebesgeschichte zwischen der Politik und dem Kapitalismus, die so romantisch begann und in eine stabile Ehe zu münden schien, für die gibts kein Happy End, ganz im Gegenteil. Dafür eine Chance: Veränderung kann immer passieren - denn die Macht von Wenigen wird nicht vom Schicksal gestützt, sondern nur von der Resignation von Vielen.

Text: Kurt Zechner

Filminfo & Credits

Titel Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte
Originaltitel Capitalism - A Love Story
Genre Dokumentation
Land, Jahr USA, 2009
Länge 105 Minuten
Regie Michael Moore
Drehbuch Michael Moore
Kamera Daniel Marracino, Jayme Roy
Schnitt Jessica Brunetto, Alex Meillier, Tanya Meillier, Pablo Proenza
Musik Jeff Gibs
Produktion Michael Moore, Anne Moore, Michael Moore
Darsteller Michael Moore
Verleih Filmladen

Bewertung

Humor  
Action  
Spannung  
Anspruch  
Romantik  
Erotik