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Die Nacht der 1000 Stunden

Die Nacht der 1000 Stunden

Drama, Fantasy. Österreich 2016. 92 Minuten.

Regie: Virgil Widrich
Mit: Laurence Rupp, Udo Samel

Es bleibt in der Familie. Philip (Laurence Rupp) soll das Wiener Traditionsunternehmen weiterführen – doch nicht alle lebenden und toten Verwandten sind einverstanden: wilde, fantastisch ausgestattete Geister-Zeitgeschichte des oscarnominierten Regisseurs Virgil Widrich.

Filmstart: 18. November 2016

Schweres Erbe. Philip Ullich (Laurence Rupp), Spross einer Unternehmerfamilie, soll den traditionsreichen Telefonhersteller Ullich & Cie weiterführen. Was fehlt, sind nur noch die Unterschriften seines Vaters Georg (Johann Adam Oest) und seiner Tante Erika (Elisabeth Rath). Eigentlich wäre auch Erikas Sohn Jochen (Lukas Miko) erbberechtigt, doch der ist ein rechtsradikaler Burschenschafter, und sie will ihn daher auf keinen Fall unterstützen. Man versammelt sich also im Haus der Familie, die Verträge liegen am Tisch, Tante Erika setzt den Füller an. Und sinkt tot in sich zusammen, noch vor der Unterschrift.

Rechtlich bedeutet das nun: Jochen ist doch mit im Boot. Die Familie ist bestürzt. Doch Minuten später sitzt Erika wieder munter am Tisch und unterschreibt. War sie nur scheintot? Was ist nun der eilig gerufenen Polizei zu sagen? Und warum tauchen nach und nach weitere längst verstorbene Verwandte auf im Ullichschen Familienpalais? Zuerst Oma Marianne (Josiane Peiffer), dann der Großvater mütterlicherseits (Luc Feit) – und alle sind sie so frisch, als wären sie nie gestorben, und nur milde desorientiert, zumal sich im Haus in den letzten Jahrzehnten ohnehin nur sehr wenig verändert hat.

Dann allerdings kommt Großtante Renate (Amira Casar) daher, die verführerische erste Frau des Großvaters väterlicherseits, unter unbekannten Umständen 1938 verstorben, und pikanterweise bald auch seine zweite Frau Gertrude (Barbara Petritsch), die bis 1991 gelebt hat. Der Großvater selbst soll bei einem Bombentreffer in den letzten Kriegstagen 1945 umgekommen sein, doch stimmt das überhaupt? Philip will die Gelegenheit nutzen, um seinen Ahnen einige Fragen zur Familiengeschichte zu stellen, die ihn seit Langem umtreiben. Doch die lebenden Toten haben immer noch einiges zu verbergen. Dazu kommt, dass die schöne Tante Renate ein Faible für ihren hübschen Großneffen entwickelt, dass Cousin Jochen unter den Ahnen Unterstützer seiner rechten Ideologie findet – und dass immer mehr von denen sich im Haus tummeln …

Geisterbahn. Die eigene Familie kannst du dir nicht aussuchen. Aber um heutige Schuldgefühle und Verwerfungen zu verstehen, ist es oft nützlich, die Geister der Vergangenheit zu befragen, und das gilt für die Verwandtschaft ebenso wie für ganz Österreich: Virgil Widrich unternimmt in Die Nacht der 1000 Stunden den Versuch einer umfassenden Aufarbeitung österreichischer Zeitgeschichte in 92 Minuten, als schräg-buntes Kammerspiel, innerhalb eines völlig aus den Fugen geratenen Raum-Zeit-Kontinuums, fotografiert von Hanekes Stamm-Kameramann Christian Berger. Die herbe Wahrheit ist bei allem Spektakel aber nicht zu übersehen: Das Ewiggestrige ist gar nicht so weit weg.

Text:  Magdalena Miedl

Credits

Titel Die Nacht der 1000 Stunden
Originaltitel Die Nacht der 1000 Stunden
Genre Drama/Fantasy
Land, Jahr Österreich, 2016
Länge 92 Minuten
Regie Virgil Widrich
Drehbuch Virgil Widrich
Kamera Christian Berger
Schnitt Pia Dumont
Musik Siegfried Friedrich
Produktion Alexander Dumreicher-Ivanceanu, Bady Minck
Darsteller Laurence Rupp, Udo Samel, Amira Casar, Johann Adam Oest, Elisabeth Rath
Verleih Thimfilm

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