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Die Geträumten

Die Geträumten

Dokumentation. Österreich 2016. 89 Minuten.

Regie: Ruth Beckermann
Mit: Anja Plaschg, Laurence Rupp

Liebe, Alltag und Kunst, geht das zusammen? Ruth Beckermanns kühne Inszenierung der Briefbeziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan beleuchtet das Wesen der Liebe in Zeiten der Vereinsamung.

Filmstart: 16. Dezember 2016

Es ist eine wilde, intensive Liebe, die bald an ihre Grenzen stößt: Ingeborg Bachmann und Paul Celan, sie die junge, kritische Schriftstellerin aus Kärnten, er der etwas ältere jüdische Lyriker aus Czernowitz, dessen Eltern im Holocaust umgekommen sind. Sie lernen einander im Nachkriegswien kennen, sie ist 22, er 27 Jahre alt, schüchtert die jüngere ein. Mehr als zwanzig Jahre lang begegnen sie einander immer wieder, zärtlich und auch freundschaftlich, und sie schreiben einander, kämpferische, aufmunternde und auch vorwurfsvolle Briefe, bis zu Celans Suizid 1970 in Paris.

Mit Die Geträumten setzt die Wiener Autorenfilmerin Ruth Beckermann (American Passages) diese Briefbeziehung zu einem großen, zu Tränen erschütternden Liebesfilm um, auf behutsame und sehr spezielle Art: Der Schauspieler Laurence Rupp und die besser als Soap & Skin bekannte Sängerin Anja Plaschg begegnen einander da im Tonstudio und lesen die Briefe von Bachmann und Celan. Zu Beginn rauschhafte Affäre, später gefärbt von Kränkungen, dann innige Liebe, literarischer Austausch, große Freundschaft, es sind Texte, die die beiden Lesenden merklich berühren, vor der Kulisse des Studio 3 im ORF-Radiokulturhaus.
Zwischen den Zeilen ist dieser Film auch eine Hommage an das denkmalgeschützte Haus. Vor allem das Studio, in dem die beiden ihren Briefdialog aufnehmen, prägt den Film, honiggelbes Holz und die hochformatigen, heiteren Bildtafeln von Hilda Jesser.

Zwischen den Aufnahmen gehen Laurence und Anja hinaus, rauchen, trinken Limonade, blödeln herum, sprechen über Narben, Musik und über Verletzungen. Ruth Beckermann stapelt Schicht um Schicht Fiktionen aufeinander in schwebender Balance: Da sind die realen Personen Laurence Rupp und Anja Plaschg und ihre scheinbar dokumentarischen Leinwandversionen, da sind die brieflichen Fiktionen der realen Personen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, und die stürmische Freundschaft der beiden Dichter, die Laurence und Anja aufwühlt. Die Aufnahmesituation mit all ihren technischen Details steht der Erlebenswelt von Celan und Bachmann entgegen, die nur aus deren Worten entsteht, mit Schilderungen von Alltäglichkeiten, von Sehnsucht und Verlustangst, von Irritation und von politischer und zwischenmenschlicher Sorge. „Sind wir nur die Geträumten?“ schreibt Bachmann – existiert dieses innig gefühlte Zueinander womöglich nur im Kopf und auf dem Papier?

Bei der Diagonale wurde Die Geträumten mit dem Preis für den besten Film und die beste künstlerische Montage ausgezeichnet.

Text:  Magdalena Miedl

Credits

Titel Die Geträumten
Originaltitel Die Geträumten
Genre Dokumentation
Land, Jahr Österreich, 2016
Länge 89 Minuten
Regie Ruth Beckermann
Drehbuch Ruth Beckermann, Ina Hartwig nach den Briefen von Ingeborg Bachmann und Paul Celan, erschienen unter dem Titel Herzzeit.
Kamera Johannes Hammel
Schnitt Dieter Pichler
Produktion Ruth Beckermann
Darsteller Anja Plaschg, Laurence Rupp
Verleih Stadtkino

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