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Vor der Morgenröte

Vor der Morgenröte

Biografie, Drama. Deutschland, Frankreich, Österreich 2016. 106 Minuten.

Regie: Maria Schrader
Mit: Josef Hader, Barbara Sukowa

Er war einer der größten Schriftsteller deutscher Sprache, Meister der Zwischentöne und historischen Momente: Maria Schrader hat dem einzigartigen Stefan Zweig ein Denkmal gesetzt – mit Josef Hader und Barbara Sukowa.

Filmstart: 3. Juni 2016

Noch das Damasttischtuch geglättet, die Blumen zurechtgezupft, dann kann es losgehen: 1936 ist der weltberühmte Schriftsteller Stefan Zweig (Josef Hader) zu Gast in Rio de Janeiro. Der Außenminister spricht warme Worte: Seine Literatur sei Zweig vorausgereist, hier sei er willkommen. Zweig ist da längst entwurzelt, schon 1934 war er vor dem Austrofaschismus nach England geflohen. Im September 1936 findet in Buenos Aires der Kongress des PEN-Clubs statt, Zweig ist einer von nur zwei deutschsprachigen Schriftstellern dort: Nur wenige haben die Flucht geschafft, Regimekritiker werden in Deutschland und in Österreich eingeschüchtert, ihre Bücher verbrannt. Auch die von Zweig. Journalisten bedrängen ihn, er möge sich zur Situation in Deutschland äußern, doch Zweig weigert sich: Jede Widerstandsgeste ohne Risiko sei nur geltungssüchtig. „Ich kann mich doch nicht freuen, wenn Berlin tüchtig bombardiert wird“, sagt der überzeugte Pazifist noch 1942. Dass er selbst im Exil lebt, leben darf, während unzählige andere unter unvorstellbaren Bedingungen umkommen, bereitet ihm entsetzliche Gewissensbisse. Stefan Zweig wird das Ende dieses furchtbaren Krieges nicht erleben: 1942 begehen er und seine zweite Frau Lotte Selbstmord.

Vor der Morgenröte, die berückend schöne zweite Regiearbeit von Maria Schrader (Liebesleben), erzählt in fünf Episoden von Zweigs Alltag im Exil, von den Schuldgefühlen des Davongekommenen, der die Gedanken an die Zurückgebliebenen keinen Moment abzustreifen vermag, und der doch voll Begeisterung für dieses Brasilien steckt. Josef Hader verkörpert Zweigs Schwermut, seinen selten aufblitzenden Humor, Aenne Schwarz spielt Lotte Zweig, Barbara Sukowa die erste Ehefrau Friderike: Es ist ein eleganter Film von großer Eindringlichkeit, der Krieg aus der Perspektive jener erzählt, denen eine Flucht gelungen ist, die um die Heimat fürchten, und die an diesem Dilemma zu zerbrechen drohen. Die scheinbare Beiläufigkeit, mit der Maria Schrader diese Verzweiflung inszeniert, verleiht dem Film weit über die historischen Figuren hinaus Bedeutung, gerade in unserer Gegenwart von Geflüchteten und Zurückgebliebenen, wo geschlossene Grenzgänge, Asylrechtsverschärfungen und Obergrenzen wieder über Existenzen entscheiden, und das ganz normale Leben daneben weitergehen muss, ein Hund kläfft, eine Tür knarrt, und die entsetzlichen Verbrechen eines Krieges immer präsent sind.

Text:  Magdalena Miedl

Credits

Titel Vor der Morgenröte
Originaltitel Vor der Morgenröte
Genre Biografie/Drama
Land, Jahr Deutschland/Frankreich/Österreich, 2016
Länge 106 Minuten
Regie Maria Schrader
Drehbuch Maria Schrader, Jan Schomburg
Kamera Wolfgang Thaler
Schnitt Hansjörg Weissbrich
Produktion Stefan Arndt, Uwe Schott, Pierre-Olivier Bardet, Danny Krausz, Kurt Stocker, Denis Poncet
Darsteller Josef Hader, Barbara Sukowa, Aenne Schwarz, Matthias Brandt, Charly Hübner
Verleih Filmladen

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