Import Export

Schonungslos wie gewohnt: Ulrich Seidl seziert die Ost-West-Beziehungen Österreichs. Herbe Komik und präzise Beobachtungen machen diesen Film zum provokanten Meisterwerk.

Minus zwanzig Grad Außentemperatur: Die Heizung muss aus sein, damit der Atemhauch der jungen Frau zu sehen ist, die in der Küche ihren Säugling wiegt. Alte Menschen, kurz vor dem Tod, werden mit roten Nasen und falschen Brillen ausstaffiert, um "Fasching" zu spielen. Dreharbeiten mit Ulrich Seidl sind kein Spaziergang. Der Österreicher ist ein kompromissloser Regisseur, mit seiner Crew genauso wie mit seinem Publikum. Vor fünf Jahren vermittelte er der Welt in Hundstage ein herbes Bild von Österreich, nun sind es die Beziehungen mit dem Osten, auf die Seidl einen akribischen Blick wirft.
Zwei entgegengesetzte Schicksale verfolgt Import Export, zwei junge Leute im gleichen Alter, die einander gut finden könnten, wenn sie sich denn je treffen würden.
Olga (Ekaterina Rak) ist Krankenschwester in der Ukraine und verdient nur ein mickriges Taschengeld. Sie hat ein Baby zu versorgen und eine alte Mutter, im heimatlichen Plattenbau fallen schon mal tagelang Strom und Wasser aus, und insgesamt ist das Leben eher unerträglich. Ein lukrativer Job als Web-Sexgirl stellt sich als Erniedrigung heraus, da hilft auch kein Galgenhumor: Auf Anweisung stammelnder Deutscher und Österreicher den nackten Hintern in die Kamera zu halten und Ekstase zu simulieren ist Schwerstarbeit. Olga flüchtet schließlich, lässt Mutter und Kind zurück und fährt in den Westen - nach Wien. Doch auch hier sind die Bedingungen wenig rosig, der neue Job als Putzfrau in einem noblen Wiener Haushalt ist veritable Sklaverei. Schließlich landet sie in einem Altenpflegeheim, wieder als Putzfrau. Hierher kommen die Menschen nur mehr zum Sterben. Olga freundet sich mit einem alten Mann an (Erich Finsches, der Pensionist mit den prickelnden erotischen Wünschen, aus Hundstage), der Hoffnung für sie bedeuten könnte. Doch für eine wie Olga gibt es keinen Ausweg.
Zugleich scheitert Pauli (Paul Hofmann) in Wien an seinem eigenen Leben, an seinen Schulden, an der schlichten Tatsache, dass er für manche Leute ein Watschengesicht hat. Und als sich die Möglichkeit auftut, für einen Job in die Ukraine mitzufahren, greift Pauli zu. Mit seinem Stiefvater Michi tingelt er durch abblätternde Hotels, klaustrophobische Hochhaussiedlungen und zwielichtige Lokale, um Kaugummi- und Spielautomaten aufzustellen und zu entleeren. Michi sieht die Geschäftsreise als hervorragende Möglichkeit an, den Frauen des Ostens zu zeigen, was ein echter Mann ist. Junge Mädchen für Geld im schmuddeligen Hotelzimmer nackt auf allen Vieren herumkriechen und auf Befehl bellen zu lassen, gehört da etwa zum Repertoire. Pauli sieht dem Treiben eine Weile angewidert zu. Irgendwann schafft er den Absprung. Wenigstens hier könnte es einen Ausweg geben.
Vier Jahre arbeitete Seidl an dem Gewaltakt, der Import Export geworden ist: Keine fröhliche Unterhaltung, sondern eine intensive Filmerfahrung, die lange nicht loslässt

Text: Magdalena Miedl

Filminfo & Credits

Titel Import Export
Originaltitel Import Export
Genre Drama
Land, Jahr Österreich, 2007
Länge 135 Minuten
Regie Ulrich Seidl
Drehbuch Veronika Franz, Ulrich Seidl
Kamera Wolfgang Thaler, Edward Lachman
Schnitt Christof Schertenleib
Produktion Lucki Stipetic, Ulrich Seidl
Darsteller Paul Hofmann, Ekateryna Rak, Maria Hofstätter, Georg Friedrich, Susanne Lothar, Herbert Fritsch, Dirk Stermann, Petra Morzé
Verleih Filmladen

Bewertung

Humor  
Action  
Spannung  
Anspruch  
Romantik  
Erotik