Bock 'n' Roll

Interview mit Houchang AllahyariJosef Hader zu Die verrückte Welt der Ute Bock

Gutes Kino über gute Menschen: Houchang Allahyari widmete Österreichs derzeit wohl standhaftester Menschenrechtsaktivistin bereits seinen zweiten Film. SKIP bat den Regisseur und seinen Darsteller Josef Hader zum Gespräch über Dramaturgie, Demokratie und Dummheit.

SKIP: Herr Allahyari, im Vorjahr feierte Ihre Doku Bock for President bei der VIENNALE umjubelt Premiere - was überzeugte Sie nun davon, noch einen Film über Frau Bock zu drehen?

Houchang Allahyari: Die Idee dazu entstand schon während der Arbeit zu Bock for President. Es gab da so viele Sachen, die wir gern mitgefilmt hätten, wo das aber nicht möglich war: Amtshandlungen, Behördengänge und so weiter. Das waren oft so interessante Geschichten, ich fand, dass man die auch erzählen muss. Es gibt aber auch dokumentarische Elemente. Um das erkennbar zu trennen, hatte ich die Idee, dass in den inszenierten Szenen bekannte Schauspieler spielen.

Josef Hader: Und ich hab da sofort zugesagt. Man kann mich generell relativ leicht überreden, was zu machen, wenns um eine gute Sache geht. Und hier ist es gleich mehrfach eine gute Sache, weil ich die Filme vom Houchang sehr schätze, und weil ich die Ute Bock sehr schätze. Dazu hat mich diese Mischung aus Doku und Spielfilm interessiert.

SKIP: Waren Sie eigentlich überrascht, wie gut die Frau Bock in dem Film ist?

Houchang Allahyari: Ich war schon überrascht, ja. Erst hab ich ein bisschen Angst gehabt, wie sie reagiert, wenn sie mit bekannten Schauspielern zusammenkommt, aber sie war total natürlich - das ist ihr so egal, wer vor ihr steht!

Josef Hader: Ich glaube, wenn die Frau Bock viel Respekt hätte vor Institutionen oder Personen, dann wär sie nicht das geworden, was sie ist ...

Houchang Allahyari: Stimmt. Obwohl sie die Schauspieler alle kennt, auch wenn Sie nie Zeit hat, ins Kino zu gehen.

Josef Hader: Sie kennt uns ja auch von den Benefizveranstaltungen. Wenn man für die Ute Bock einen Abend macht, dann geht sie auch hin. Ich hab sie mal gefragt, warum sie sich die Zeit nimmt, sie hat ja eh so viel zu tun. Und sie hat gemeint: "Wenn ich was krieg, dann geh ich auch hin und bedank mich!“

SKIP: Warum gibts so wenige Leute wie die Frau Bock?

Josef Hader: Weil es den anderen Leuten entweder wurscht ist, oder es sind so lauwarme Menschen wie ich, die halt hie und da was gegen das schlechte Gewissen tun und dann wieder weiter ihrem Berufsleben nachgehen. Man könnte auch sagen, es gibt deswegen so wenige, weils wirs nicht sind.

SKIP: Wenn man die Frau Bock fragt, warum sie das macht, was sie macht, sagt sie: "Wenn jemand Hilfe braucht, dann helf ich ihm halt.“ Das klingt so selbstverständlich.

Josef Hader: An sich schon, ja. Aber das haben die Rechtsparteien mittlerweile wirklich geschafft, dass normale menschliche Verhaltensweisen als weltfremd gelten, und gleichzeitig völlig irrationale Gedanken als rational.

SKIP: Sie beschäftigen sich beide beruflich mit der gesellschaftlichen Situation. Ist die viel zitierte soziale Kälte für sie in den letzten Jahren spürbarer geworden?

Houchang Allahyari: Ja, eindeutig. Vor allem der Respekt vor dem menschlichen Leben scheint auf einmal keine Selbstverständlichkeit mehr zu sein - dabei hätte der oberste Priorität. Ich habe mir die Mühe gemacht, die Europäische Menschenrechtskonvention durchzuarbeiten, und habe mit Entsetzen festgestellt, dass über die Hälfte davon einfach ignoriert wird.

Josef Hader: Es ist ja auch so, dass politische Kräfte maßgeblich daran interessiert sind, die Gesellschaft zu spalten, um damit Stimmen zu fangen, und dazu is ihnen jedes Mittel recht. Populistische Parteien denken nicht für die gesamte Gesellschaft. Sie wollen die Stimmen derer, die unzufrieden sind, schlecht aufgelegt, grantig - und irgendjemand brauchen, der daran Schuld ist. Und diese Prozentzahl kann man einfach erhöhen, in dem man immer mehr Leute unzufrieden macht - und ihnen auch gleich wen mitliefert, der angeblich dran Schuld ist. Und das sind Tendenzen, die für die Gesellschaft nicht gut sind. Die Meinungsfreiheit ist ein sehr hohes Gut, es gibt aber auch Grenzen. In Deutschland zum Beispiel gibt es einen Paragraphen, der heißt Volksverhetzung, und dort sind juristisch bestimmte Dinge gar nicht möglich, die bei uns gar kein Problem sind, weils in Österreich nur einen Wiederbetätigungsparagraphen gibt. Das heißt, wenn 15-jährige - was schlimm genug ist - Hitler-Parolen schreien, kommen sie vor Gericht. Mündige Politiker, die Volksverhetzung betreiben, kommen ungeschoren davon. Der wirkliche Wahnsinn aber ist, dass die Politiker aller Parteien in ihrer Betriebsblindheit nicht bemerken, dass die Gklaubwürdigkeit völlig den Bach runtergeht. Und damit wird die Demokratie, die nämlich kein Geschenk ist, sondern die  wir uns immer wieder neu erarbeiten müssen, scheibchenweise aufgegeben. Mit jedem Prozent weniger Wahlbeteiligung ist ein Stück Demokratie weg.

Interview: Gini Brenner / September 2010

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