Hurerei, verfilmte!

Interview mit Michael Glawogger zu Whores' Glory

Wahrheitssuche unterm Rotlicht. In seiner Doku Whores' Glory öffnet Filmemacher Michael Glawogger dem Kino eine Welt, die normalerweise die Öffentlichkeit scheut wie der Teufel das Weihwasser. SKIP sprach mit ihm über den Spaß, den Ernst und die Risiken des Filmemachers im Bordell.

SKIP: In Whores' Glory zeigen Sie Dinge, die normalerweise naturgemäß allen nicht Beteiligten verborgen bleiben. Wie haben Sie es geschafft, mit der Kamera so weit vorzudringen?

Michael Glawogger: Mit viel Hartnäckigkeit und Geduld. Wir haben an den Schauplätzen oft Monate verbracht, bis wir zu drehen begonnen haben. Es war nicht leicht, die Frauen davon zu überzeugen, vor der Kamera über sich zu erzählen. Wir mussten auch überall versprechen, dass der Film in dem Land, in dem gedreht wurde, nie gezeigt wird.

SKIP: Ist auch Geld geflossen?

Michael Glawogger: Natürlich. Das hat mit dem Wesen der Prostitution zu tun: Denn selbst, wenn einer Postituierten Sex mit dir Spaß macht, wirst du ihn bezahlen müssen. Und deshalb wirst du auch für ihre Geschichten bezahlen müssen, die erzählt sie dir nicht, weil du so ein liebes Gesicht hast.

SKIP: Wie ging es Ihnen dort eigentlich als Mann? Kann man sich bei dem Thema eigentlich noch künstlerische Distanz bewahren?

Michael Glawogger: Diese Frage könnten Sie auch einem Modefotografen stellen: Können Sie sich völlig davon distanzieren, das das Modell vor Ihrer Kamera eine wunderschöne Frau ist? Nein, natürlich schaut man hin, noch dazu wenn man monatelang vor Ort ist, wie in Bangladesch ... ich glaube, die Mädchen dort hatten eine Wette laufen, wer von ihnen uns als erste rumkriegt. Für uns ging das natürlich schon deshalb nicht, weil das die gesamte Struktur völlig durcheinandergebracht hätte.

SKIP: Wie haben Sie sich für gerade diese drei Schauplätze entschieden: Thailand, Bangladesch und Mexiko?

Michael Glawogger: Ich habe an vielen Orten recherchiert, und irgendwann hat sich das dann auf diese drei eingekreist. Drei verschiedene Kulturkreise, drei verschiedene Religionen, drei verschiedene Mentalitäten. Aber man hätte auch in Japan, in Wien, in Amerika filmen können, weil es Prostitution einfach überall gibt.

SKIP: Was waren jeweils die größten Schwierigkeiten beim Dreh?

Michael Glawogger: In Thailand war das größte Problem, überhaupt eine Drehgehehmigung zu bekommen - und dann, ein Etablissement zu finden, in dem wir drehen durften. Von etwa 130, die ich besucht habe, hat schließlich ein einziges erlaubt, dass wir drinnen filmen durften. Allerdings war eine der Auflagen, dass wir keine Scheinwerfer aufstellen durften. Schwierig war das mit dem Licht auch in Bangladesch. Dort war es immer stockdunkel. Wir haben dann das gesamte Gebäude mit Neonröhren versehen - von denen die meistens am nächsten Tag wieder weg waren - die sind alle in irgendwelchen Zimmern verschwunden (lacht). Und in Mexiko war das größte Problem wahrscheinlich die völlige Abhängigkeit der Frauen von ihren Zuhältern. Auch wenn die meist gar nicht vor Ort waren, sondern 1000 Kilometer weg - es geschah nur, was die den Frauen erlaubten oder eben nicht.

SKIP: Sie haben einmal gesagt, dass sich das Verhältnis zwischen Mann und Frau in einer Gesellschaft in der Prostitution quasi eingedampft spiegelt ...

Michael Glawogger: Ja, absolut.

SKIP: ... das in allen drei Teilen ein streng hierarchisches ist, bei dem die Männer das Sagen haben.

Michael Glawogger: Ein Bordell, in dem Männer Frauen aussuchen kann, ist immer eine hierarchische Sache. Die Ungerechtigkeit fängt dort an, wo es das umgekehrt nicht gibt. Aber auch innerhalb dieser Hierarchie werden die Gegebenheiten vom jeweiligen gesellschaftlichen Alltag geprägt. Deshalb sage ich, dass ein Bordell in jedem Teil der Welt ein klarer Spiegel dessen ist, wie Männer und Frauen miteinander umgehen.

SKIP: Herr Glawogger, Sie sind einer der wenigen Filmemacher, die anscheinend mühelos zwischen Spielfilmen wie Nacktschnecken oder Contact High und Dokumentationen hin- und herschalten können ...

Michael Glawogger: Die Linie verschwimmt immer mehr. Ich bemerke zunehmend nur noch an äußeren Erscheinungsformen, ob ich gerade an einem Spielfilm oder einer Doku arbeite (lacht). Was halt den Dokumentarfilm auszeichnet, ist eine unglaubliche Freiheit der Produktionsmittel, jede Idee ist sofort umsetzbar. Inhaltlich ist das für mich alles ein einziges Universum, in dem ich mich bewegen möchte - und manche Dinge lassen sich besser erzählen, indem man sie fiktionalisiert, bei manchen ist das Authentische das Wichtigere. Das Spannende ist ja, dass die meisten Filme, die es über Prostitution gibt, Spielfilme sind, weil es sehr schwierig ist, sich dokumentarisch in diesem Milieu zu bewegen.

SKIP: Spielfilme zum Thema gibts dafür wirklich viele ...

Michael Glawogger: Ja, irgendwo kommt immer eine Hure vor (lacht).

SKIP: Was werden Sie als nächstes machen?

Michael Glawogger: Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich sagen: Ich weiß es noch nicht. Es kann gut sein, dass ich als nächstes ein Doku machen werde, die Untitled heißen wird oder Der Film ohne Namen, weil ich zunehmend finde, dass der größte Feind des Dokumentarfilmes das Thema ist. Wenn man sich von vorn herein auf etwas Bestimmtes konzentriert, steht das der wahrhaftigen Betrachtung der Welt im Wege.

Interview: Gini Brenner, Kurt Zechner / Juni 2011

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