Freiheit, Liebe, Alltag

Interview mit Cary Fukunaga zu Jane Eyre

Seit seinem Debüt Sin nombre gilt der 34-jährige Kalifornier mit internationalen Roots als kommender Regie-Star. Mit seiner Verfilmung des Klassikers Jane Eyre bestätigt er die Kritiker-Propheten. SKIP traf Cary Joji Fukunaga zum Exklusiv-Interview.

SKIP: Ihr Film unterscheidet sich sehr von den bekannten Verfilmungen klassischer britischer Literatur - bei Ihnen sieht man, wie die Leute nicht nur mit der Liebe, sondern auch mit ihrem Alltag zu kämpfen haben.

Cary Joji Fukunaga: Es interessiert mich, Leute bei dem zu beobachten, was sie machen. Ich hätte gern viel mehr davon in den Film gepackt, aber die Geschichte hat so verdammt viel Handlung (lacht). Ich mag es, Menschen zu studieren, es muss nicht jede Minute Drama und Katharsis geben.

SKIP: In Ihrem vielbeachteten Spielfilm-Debüt Sin nombre erzählten Sie die Geschichte zweier Flüchtlinge an der US-Grenze - Jane Eyre führt in das Großbritannien des vorvorigen Jahrhunderts. Ist das nicht ein gewaltiger Themensprung?

Cary Joji Fukunaga: Das finde ich eigentlich gar nicht - in beiden Filmen geht es um eine weibliche Hauptfigur mit starker Persönlichkeit und großem Freiheitsdrang, die einen Gefährten sucht. Außerdem folgen in diesem Beruf die wenigsten Dinge irgendwelchen offensichtlichen Wegen. Wenn mir jemand in der Filmschule erzählt hätte, ich würde meinen ersten Langfilm über Flüchtlinge drehen, hätte ich das nie geglaubt. Und als ich Sin nombre gedreht habe, hätte ich mich nicht im Traum im viktorianischen England gesehen.

SKIP: Jane Eyre ist ein Romanklassiker und wurde schon x-mal für Kino und Fernsehen adaptiert. Woher haben Sie eigentlich den Mut genommen, es nochmal zu versuchen?

Cary Joji Fukunaga: Ich war mir anfangs ehrlich gesagt gar nicht bewusst, wie oft diese Geschichte schon verfilmt worden ist. Ich kannte natürlich Robert Stevensons berühmten Jane Eyre aus 1943 mit Orson Welles und Joan Fontaine. Als ich dann rausfand, dass es insgesamt an die 20 Verfilmungen gibt, wars mir auch egal. Im Theater regt sich ja auch niemand auf, wenn jemand schon wieder Shakespeare inszeniert.

SKIP: Sie haben einen wirklich hochkarätigen Cast versammelt ...

Cary Joji Fukunaga: Ich hatte viel Glück, ich kam gerade zur rechten Zeit. Als ich Michael Fassbender fragte, ob er Mr. Rochester spielen wollte, hatte er gerade gar nichts zu tun ...

SKIP: Wohl zum allerletzten Mal in seinem Leben!

Cary Joji Fukunaga: Ja! Ich habe ihn in Hunger gesehen und nicht glauben können, dass er nicht von Angeboten überhäuft wurde. Aber es kamen alle nach mir: Quentin Tarantino, David Cronenberg, die X-Men-Leute … nonstop. Das ist kein Zufall, es liegt an seinem Talent. Genauso wie bei Mia. Ich war sehr glücklich über ihre Besetzung, nicht nur spielt sie toll, sie hat auch eine fast magische Ausstrahlung. Manchmal schaut sie aus wie ein kleiner Kobold, dann wieder wie eine Prinzessin.

Interview: Gini Brenner / Oktober 2011

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