Eine Nacht wie ewig gestern

Interview mit Virgil Widrich zu Die Nacht der 1000 Stunden

Bekannt ist Virgil Widrich vor allem durch seinen vielfach ausgezeichneten, oscarnominierten Kurzfilm Copy Shop. Die Nacht der 1000 Stunden ist sein erster Kino-Langfilm – und zugleich eine Aufarbeitung österreichischer Zeitgeschichte.

SKIP: Die Nacht der 1000 Stunden ist zugleich politische Parabel, heiteres Kammerspiel und historischer Geisterfilm. Woher kommt die Geschichte?

Virgil Widrich: Mich beschäftigt schon sehr lange der Gedanke vom Jüngsten Tag, an dem alle Toten wiederkommen, wie wir das aus der Bibel kennen. Meine Idee war: Was würden denn all die Toten miteinander sprechen? Wenn alle wiederkommen, gibt es ja keine Geheimnisse mehr, das heißt, wenn alle Mitglieder einer Familie wieder auftauchen, würden auch unangenehme Dinge aufs Tapet kommen. Wenn man in der österreichischen Geschichte anderthalb Generationen zurückgeht, kommt man zwangsläufig zur Zeit des Nationalsozialismus. Und das war der Ausgangspunkt für die Geschichte.

SKIP: Ist diese Filmfamilie komplett erfunden?

Virgil Widrich: Nein, das ist ein Patchwork aus eigener Familie und historischen Konstellationen. Meine Familie wohnt auch schon seit hundert Jahren in einem alten Haus in Salzburg, und da finden sich die interessantesten Erinnerungsstücke, wie Pässe von 1850 oder Haarlocken von Vorfahren. Und ich hatte auch einen Großvater, der zweimal geheiratet hat. Die beiden Ehefrauen würden an so einem Jüngsten Tag wohl auch beide auftauchen und sich nicht vertragen. Und es gibt Briefe von diesem Großvater, die er mit „Heil Hitler!“ unterschreibt. Er war Arzt, aber auch Forscher und Unternehmer, und hatte eine Fabrik zur Entbitterung von Sojabohnen. Schon aus Absatzgründen war ihm Großdeutschland sehr recht, und wohl auch ideologisch. Aber es hat ihn nicht gestört, dass seine Frau, meine Großmutter, jüdischer Abstammung ist. Danach würde ich ihn gerne fragen, wenn er wieder auftauchen würde.

SKIP: Etwas vom Gruseligsten an Ihrem Film ist die Kooperation der Demokratiefeinde quer durch alle Zeiten. Woher kommt das?

Virgil Widrich: Die Rechtsradikalen aller Zeiten sind einander ja eigentlich sehr ähnlich, so wie heute die Nationalisten unterschiedlicher Nationen einander ähnlich sind und international zusammenarbeiten, was nur scheinbar ein Paradoxon ist, aber wunderbar funktioniert, weil sie in Wirklichkeit alle das Gleiche wollen, nämlich Macht und Geld. Die Feinde der Freiheit tauchen immer wieder unter neuen Namen und mit neuen Gesichtern auf, aber sind immer wieder derselbe Typ Mensch: heute für den Kaiser und morgen für Hitler, Hauptsache einer schafft an, und es gibt keine Demokratie, keine freien Medien und keine Versammlungen, wo Dinge passieren, die man nicht kontrollieren kann.

Interview: Magdalena Miedl, Foto: © Arash Riahi / November 2016

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