Ganz groß und unglaublich nah

Interview mit Jakob M. Erwa zu Die Mitte der Welt

Überwältigend, innig und wild: Jakob M. Erwas Verfilmung des Erfolgs-Jugendromans Die Mitte der Welt macht Bauchweh auf Schmetterlingsart.

SKIP: Dass aus diesem preisgekrönten Buch ein Film werden muss, ist ja schon klar, seit der Roman 1999 erschienen ist. Damals warst du aber selber gerade erst 17. Wie ging das nun vor sich?

Jakob M. Erwa: Stimmt, ich hab 2000 erst maturiert, das wär sich nicht ausgegangen (lacht). Ich hab Andreas Steinhöfel 2003 bei einem Jugendbuchfestival getroffen, bei dem ich die Autorenbetreuung gemacht hab. Ich hatte damals das Buch ganz frisch gelesen und war Feuer und Flamme, weil es so ein Universum eröffnet. Die Grundmessage des Freiseins, das schwule Leben, ohne dass es ein Problem ist, die bedingungslose Unterstützung durch die Mutter – das war für mich so eine neue Welt. Ich war damals im zweiten Jahr an der Filmhochschule und hab mir gedacht, ich frag Andreas einfach nach den Filmrechten, dabei waren die längst verkauft. Der Film kam damals aber nicht zustande, und Andreas und ich sind in Kontakt geblieben – und acht Jahre später meinte er: „In einem halben Jahr werden die Rechte wieder frei, und ich hab die Schnauze voll von den großen Filmfirmen. Wenn du immer noch Interesse hast, mach dich doch einmal drüber.“

SKIP: Obwohl die Buchvorlage noch in einer anderen Zeit spielt, hast du auch Social Media eingebaut in die Story.

Jakob M. Erwa: Ja, das war mir wichtig, die Geschichte in die Gegenwart zu holen. Dabei hat das Buch eine große Zeitlosigkeit, es gibt Leute, die sagen, das kann genauso im 19. Jahrhundert spielen. Es ist einfach eine universelle Liebesgeschichte.

SKIP: Vor allem ist es die Geschichte der ersten großen Liebe, oder?

Jakob M. Erwa: Ja, ich kann mich doch selber noch sehr gut dran erinnern, dass sich bei der ersten Liebe alles so wahnsinnig fucking opulent anfühlt. Das ist eben so, als würde plötzlich alles himbeerrot und die Musik fängt an, und du bist ganz woanders. Ich kann mich erinnern, damals, zack, Musik rein, und ich hab mich gefühlt wie in einem Musikvideo, in Slow Motion. So ist das Gefühl von Jungsein für mich, das Gefühl von Verliebtsein.

SKIP: Und, um aufs Wesentliche zu kommen: Die Sexszenen sind ganz besonders innig.

Jakob M. Erwa: Klar, der Sex und die Leidenschaft und die Lust waren auch besonders wichtig. Gerade als Teen ist das doch so: Wenn du so lange drauf wartest, dass „Es“ endlich passiert und jahrelang darüber nachgedacht hast, ist das ja ziemlich überwältigend. Ich wollte, dass der Film nicht stilistisch einheitlich ist, sondern dass es auf der einen Seite das authentische Dokumentarische gibt und auf der anderen das opulent Übersteigerte. Das Leben hat ja auch nicht nur eine Farbe und eine Stimmung. Das gleiche gilt auch für die Sexszenen, dass die nicht einfach wegerzählt werden, sondern richtig ausgekostet. Ich wollte, dass man da diese Lust spürt, die Leidenschaft und dieses Prickeln am Anfang, dass das alles da ist und dass es durchaus auch gezeigt wird. Es geht da ja auch um Körperlichkeit.

SKIP: Dafür brauchst du aber auch Schauspieler, die das vor der Kamera zu geben bereit sind. War dein Liebespaar Louis Hofmann und Jannik Schümann nicht noch sehr unerfahren beim Dreh?

Jakob M. Erwa: Louis war beim Casting noch 17 und beim Dreh gerade 18. Es hatten ja alle vor dem Casting das Drehbuch gelesen und wussten, was da auf sie zukommt. Ich hab ihnen gesagt; „Ich stell mir das sehr authentisch vor, ihr müsst nicht echt vögeln, aber es soll nah rankommen“ – das muss nicht jeder wollen, aber für die Rolle war es halt notwendig. Und Jannick und Louis sind halt trotz ihres jungen Alters echte Profis. Jannick kannte den Roman, und für ihn war das schon lange ein Herzensbuch. Und Louis will sowieso die Schauspielerei zu seinem Beruf machen, der will das Charakterfach ausbauen und nimmt das ganz ernst. Das ist ja kein Kasperlberuf. Und sie haben es toll hingekriegt.

Interview: Magdalena Miedl, Foto: © onloph/Simon Möstl / November 2016

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