Sex, Lies & History

Interview mit Lars Eidinger zu Die Blumen von gestern

In Maren Ades Alle anderen erlebte er 2009 seinen Kinodurchbruch, in Personal Shopper ist er demnächst auch neben Kristen Stewart zu sehen. In Die Blumen von gestern spielt Lars Eidinger den Holocaustforscher Totila Blumen, der an der Seite seiner jüdischen Kollegin Zazie (Adèle Haenel) sich selbst besser kennen lernt, als ihm lieb ist.

SKIP: Der Film erzählt von einem Mann, der mit seiner Familiengeschichte hadert und stößt damit bei Zuschauern Türen auf, hinter die zu schauen sehr schmerzhaft sein kann. Wie war das für Sie?

Lars Eidinger: Mir ist da mit Schrecken bewusst geworden, wie wenig ich mich mit der Geschichte meines eigenen Großvaters auseinandergesetzt habe. Er ist sehr früh gestorben, und ich hab mir erst jetzt seine Akte raussuchen lassen. Zu wissen, dass mein Opa im Krieg wahrscheinlich Leute erschossen hat, find ich ganz schön unheimlich. Wenn ich mich an ihn erinnere – ich weiß gar nicht, ob der je irgendwas gesagt hat. Das Einzige, was er getan hat, war, dass er mich auf den Schoß genommen und gesagt hat „Rattattatong, rattattatong, weg ist der Balkong“ – das fand ich als Kind sehr lustig. Irgendwann hab ich mir überlegt, wo der Spruch herkommt. Ich geh mal davon aus, das war ein Spruch von Soldaten im Schützengraben, die auf Häuser geschossen haben. Als Kind hinterfragt man das natürlich nicht und begreift erst viel später, was da eigentlich die Bedeutung war.

SKIP: Die Blumen von gestern geht genau dieser Frage nach, wie die Enkelgeneration mit der gewaltsamen Geschichte der Großeltern umgeht.

Lars Eidinger: Ja, was macht das mit unserer Generation? Welche Spuren gibt es bis heute, welches Echo hallt da nach? Das kann man gar nicht logisch erklären, warum ich mich vielleicht immer noch daran abarbeite, was meine Vorfahren im Zweiten Weltkrieg gemacht haben. Aber es gibt da eine Verbindung, ich spüre es einfach. Ich bilde mir ein, dass ganz viel von einer Form von Depression und diffuser Traurigkeit daher rührt, zumindest in Deutschland.

SKIP: Was hat denn die Rolle dieses Holocaustforschers Toto für Sie da neu angestoßen?

Lars Eidinger: Für mich waren das kleine Momente. Da fragt Zazie (Totos jüdische Kollegin, Anm.) den Toto im Film irgendwann, „Wie war eigentlich dein Großvater?“ Und dann sagt der, „Lieb.“ Ich finde das einen ganz wichtigen Punkt. Aus der heutigen Perspektive zu sagen, man wäre damals bestimmt im Widerstand gewesen, ist natürlich leicht. Aber ich glaub, wir wären alle Nazis gewesen. Das war ja ein Massenphänomen. Das hat ja immer auch was mit dem Wertesystem zu tun, in dem man sozialisiert ist. Und Toto hat seinen Großvater einfach geliebt, deswegen ist es ganz schwer für ihn, zu begreifen, dass dieser Großvater, zu dem er aufgesehen hat, verantwortlich für den Mord an Tausenden von Menschen ist. Davon handelt für mich der Film. Man wünscht sich ja manchmal, man hätte es da mit Monstern zu tun gehabt. Aber über so jemanden zu sagen, „der war lieb“, das ist schon ein ziemlich großer Konflikt.

SKIP: Die Geschichte von Totila Blumen ist aber auch eine Liebesgeschichte: Zazie steht für zwei große Chancen in Totos Leben, dafür, seine körperliche Männlichkeit wiederzufinden, und mit seinen Schuldgefühlen umzugehen. 

Lars Eidinger: Ja, es ist eine sehr seltsame Verbindung, die die beiden eingehen, erst mal fern jeder Romantik. Es kippt dann irgendwann, aber ich finde die Form der Annäherung schon sehr speziell. Zwischen Adèle und mir schwingt da neben dem Rationalen noch eine emotionale Ebene mit, das war eine Begegnung zwischen zwei Schauspielern, bei der man das Gefühl hat, man ist ganz beieinander, das ist eine ganz enge, intime Begegnung, wo man sich vertraut, wo man Spaß aneinander hat, wo man auch in einer Konkurrenz zueinander steht – eben so, wie eine gute Beziehung aufgebaut sein muss. Ich finde, dass das den Film sehr bereichert, dass man diese komplexe emotionale Bindung zwischen zwei Menschen sichtbar macht.

Interview: Magdalena Miedl, Foto: © Dor Film / Dezember 2016

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