Dichterjäger

Interview mit Gael García Bernal zu Neruda

In Neruda (von Jackie-Regisseur Pablo Larrain) spielt der umwerfende Gael García Bernal einen faschistoiden Polizisten. Im Interview in Cannes erklärte er, warum er selbst politisch auf der anderen Seite steht.

SKIP: Neruda ist nach No bereits Ihre zweite Zusammenarbeit mit Pablo Larraín, einem der aufregendsten Regisseure der Gegenwart. Wie ist es, mit ihm zu drehen?

Gael García Bernal: Pablo und ich sind was das Kino betrifft für einander geschaffen. Er ist ein sehr angstfreier Filmemacher, ich genieße es so, auf seinem Set zu stehen und Zeit mit ihm zu verbringen, Neues auszuprobieren. Und ich mag es, wie er sein Team immer auf Trab hält. Außerdem haben wir einen sehr ähnlichen Sinn für Humor. Ich kann mir nur wünschen, noch möglichst viele Filme mit ihm machen zu können. Auch wenn der Mann dringend mal pausieren sollte. Er ist ein echtes Arbeitstier. Nach seinem Meisterwerk El Club 2015 hat er gleich Neruda gemacht und dann quasi parallel auch noch Jackie, und jetzt dreht er schon wieder! Ich hoffe, er nimmt wenigstens regelmäßig seine Vitamine.

SKIP: Ihre Figur, der Polizeiinspektor Oscar Peluchonneau, im Film der Gegenspieler des Dichters Pablo Neruda, ist zum großen Teil erfunden. Wie ist er entstanden?

Gael García Bernal: Wir wollten eine Figur kreieren, die politisch auf der komplett anderen Seite als Neruda stehen sollte – also ein Faschist ist. Und den ärgert es maßlos, dass ein Dichter wie Neruda, anstatt nur schöne Wortgebilde zu erschaffen, ganz ungeniert über tatsächliche Missstände schreibt. Peluchonneau ist ein Außenseiter. Er fühlt sich nie sicher, zugehörig, deshalb findet er sein Heil in einer restriktiven Ideologie. Und er hasst Neruda für seine Freiheit. Der Hass liegt ihm näher, weil er ohne Liebe aufwachsen musste.

SKIP: Welche Bedeutung hat die Liebe denn für Sie?

Gael García Bernal: Darüber könnte ich Gedichte schreiben! In wenigen Worten kann ich das natürlich nicht beantworten, aber ich glaube, dass die Poesie wirklich einige sehr gute Erklärungen für das Phänomen Liebe gibt. Es ist jedenfalls die einzige Kraft, die es möglich macht, die unendliche Unbedeutendheit unserer Existenz zu ertragen.

SKIP: Hat die altmodische Kunstform Poesie in Zeiten von Facebook & Co. noch eine Daseinsberechtigung?

Gael García Bernal: Das haben wir uns auch ständig gefragt bei der Arbeit an Neruda. Aber unsere Geschichte spielt im Chile der 40er Jahre, und diese Zeit war massiv geprägt von Künstlern, darunter viele Dichter. Poesie ist ja durchaus politisch, und sie war Teil der Politik. Mit Kunst kann man Menschen großflächig erreichen, und sie kann ein Volk vereinen. Sie spricht zu den Herzen, egal, aus welcher Ecke des Landes man kommt. Ich finde überhaupt, dass Politik viel stärker die Kunst mit einbinden sollte. Wie völlig kunstfreie Politik aussieht, kann man ja derzeit in den USA sehen.

SKIP: Was erwarten Sie gerade als Mexikaner von der US-Politik unter Präsident Trump?

Gael García Bernal: Ich rede nicht gerne über ihn, weil man ihm dann nur noch mehr Wichtigkeit gibt. Ich kann nur Geschichten erzählen, die eben von einer anderen Art der Politik berichten, als die, die er vertritt. Von einer Politik der Menschlichkeit, der Vielseitigkeit, des Friedens. Ich finde, wir sollten den Idealismus wiederentdecken. Es gibt ja in der Geschichte viele Beispiele für dessen Erfolg – Gandhi, Václav Havel und viele mehr. Ich betrachte mich jedenfalls durchaus als Idealist.

Interview: Kurt Zechner, Foto: © Polyfilm / Juni 2016

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