Geschichten aus dem Zwischenland

Interview mit Arash T. Riahi zu Ein Augenblick Freiheit

Vor zwei Jahren war Arash T. Riahi mit der Doku Exile Family Movie bei der Diagonale der strahlende Sieger – nun hat er die Flucht seiner Geschwister zu einem berührenden Spielfilm verarbeitet.

SKIP: Die Geschichte deines Films basiert auf den Erfahrungen deiner Familie. Wie viel davon ist tatsächlich Realität?

Arash T. Riahi: Natürlich ist da viel Persönliches drin, aber ich wollte dem Ganzen eine universelle Bedeutung geben. Alle Geschichten sind wirklich passiert, wenn auch nicht genau so. Der Film soll ein Denkmal sein für all die Millionen Leute, die auf der Flucht sind. Ein solches Zwischenland, wie es hier die Türkei ist, gibt es überall. Ich bin Perser, und insofern konnte ich die Geschichte auf diese Weise am besten erzählen, weil sie mir nahe ist. Von überall her wollen Flüchtlinge nach Europa, und für die ist der Film – völlig egal, ob das Perser in der Türkei sind oder Afrikaner, die in Italien stranden.

SKIP: Du hast Laiendarsteller und professionelle Schauspieler gemischt. Wie hast du sie gefunden?

Arash T. Riahi: Wir haben sehr lange und in ganz Europa gecastet, denn die Anforderungen waren hoch: Wir mussten gute Schauspieler finden, Perser, die die Sprache ohne Akzent können. Und sie durften kein Problem damit haben, in einem kritischen Film mitzu­spielen – denn, würden sie in den Iran zurückkehren wollen, könnten sie das nach diesem Film wahrscheinlich nicht mehr. Mich haben aber unerwartet viele Leute angerufen, die unbedingt mitmachen wollten, denn offenbar haben sehr viele auf einen Film gewartet, der genau diese Geschichten erzählt.

SKIP: Für einen Erstlings-Spielfilm waren die Dreharbeiten sehr teuer und aufwendig – wie war der Dreh in den verschneiten Bergen der Türkei?

Arash T. Riahi: Megamühsam! Das schreibt sich so leicht ins Drehbuch, „Die Gruppe reitet mit den weinenden Kindern durch den Schnee“ – aber das umzusetzen, war der Horror. Gleich am ersten Tag mit den Pferden gab es einen 120km/h-Sturm, und bei der ersten Einstellung, nach zwanzig Sekunden, ist ein Schauspieler mit einem Kind vom Pferd gefallen. Er musste sofort ins Krankenhaus, die Stimmung war im Keller, und den Rest zu drehen, war dann wirklich schwierig.

SKIP: Warum kommen die Gründe für die Flucht im Film nicht explizit vor?

Arash T. Riahi: Nun, der Film beginnt mit einer Erschießung, und die steht abstrakt für den Horror, vor dem diese Menschen flüchten. Es gibt so viele Filme über dort, und so viele Filme über das Leben hier – ich wollte einen Film drehen über das Dazwischen. Ich dachte, wenn ich zeige, was Leute auf sich nehmen, um zu uns zu kommen, dann muss jedem klar sein, die machen das nicht zum Spaß. Sie müssen das Recht haben, ihren Träumen nachzugehen. Wenn sie dann scheitern, dann haben sie es wenigstens versucht und müssen sich nicht am Ende vorwerfen, nichts getan zu haben.

Interview: Magdalena Miedl / September 2008

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.