Kameras im Klassenkampf

Interview mit Laurent Cantet zu Die Klasse

Die Klasse ist ein Mikrokosmos, die Schüler sind eine Miniatur-Gesellschaft: Laurent Cantet hat sich in den Nahkampf mit einer Bande 15-Jähriger gewagt. Im SKIP-Interview schwärmt er von den jungen Talenten – und dem Idealismus, den ein Lehrer mitbringen muss.

SKIP: Es gibt viele Filme über Teenager und ihre Erfahrungen in der Schule – Ihr Zugang in Die Klasse ist aber einzigartig. Wie ist die Idee zu diesem Film entstanden?

Laurent Cantet: Ich hatte schon zwei Jahre lang an einem Projekt gearbeitet, bei dem es um eine Schule von innen ging, um die Klasse als Mikrokosmos, in dem die Gesellschaft beschrieben wird. Dann habe ich das Buch von François Bégaudeau bekommen, der darin von seinen Erfahrungen als Lehrer berichtet. Ich hab das Buch in einer Nacht ausge­lesen – und ihn dann kontaktiert. Er spielt nun den Lehrer in unserem Film, gewissermaßen also sich selbst.

SKIP: Wie haben Sie die Klasse für den Film gefunden?

Laurent Cantet: Wir haben in einem ethnisch und sozial sehr durchmischten Viertel ein Improvisationsseminar organisiert, zu dem alle Schüler willkommen waren. Es kamen etwa 50, und die Hälfte war auch noch nach einigen Wochen dabei – und die sind auch im Film. Sie haben also selbst entschieden, dass sie wirklich mitmachen wollen. Vieles von dem, was sie im Film tun, ihre Art zu reden, sich zu kleiden, das haben sie selbst eingebracht. Sie spielen aber nicht sich selbst, jeder hat seine eigene Figur entwickelt. Im Film konnten sie dadurch Dinge ausprobieren, die sie sonst nicht tun würden.

SKIP: Wie war es, mit den Teenagern zu arbeiten – immerhin ist das doch ein schwieriges Alter?

Laurent Cantet: Ja, aber mir hat die Zusammenarbeit große Freude gemacht. Ich hatte nie das Gefühl, dass das wirklich Arbeit ist, wir haben miteinander diskutiert, gemeinsam gelacht und herumge­blödelt. Es gab nie Spannungen, nicht einmal bei den hefti-geren, dramatischen Szenen. Sie konnten sehr lustig sein vor der Szene, ab dem „Action!“ direkt in die Rolle schlüpfen, und nach dem „Cut“ wurde wieder weitergelacht. Es gab nie Streitereien. Ich hatte das Gefühl, mit richtigen Schauspielern zusammenzuarbeiten, mit einer großen Freude am Spielen.

SKIP: Welche Eigenschaften muss ein guter Lehrer in Ihren Augen haben?

Laurent Cantet: Das ist schwer zu beantworten, den idealen Lehrer gibt es nicht. Ich habe große Sympathie für den Lehrer, den François verkörpert, und für seinen Drang, die persönlichen Geschichten der Schüler einzubeziehen. Die Schule ist nicht nur ein Ort, an den man geht, um Wissen anzusammeln, sondern auch um das Nachdenken und Argumentieren zu lernen. Das ist etwas vom Wichtigsten, was dieser Lehrer tut – seinen Schülern Menschenverstand beizubringen. Er versucht immer wieder, auf Augenhöhe mit ihnen zu sprechen, und manchmal gelingt ihm das auch. Ein Schwerpunkt im Film liegt auf den Diskus­sionsszenen, denn immerhin ist die Schule auch ein Ort, wo man Demokratie lernt.

SKIP: Ist dieser multikulturelle Mix in dieser Klasse repräsentativ für die Schulsituation in Frankreich?

Laurent Cantet: Ich möchte unbedingt vermeiden, dass die Klasse im Film als exemplarisch betrachtet wird. Ich möchte nicht, dass man sich vorstellt, dass das, was wir gefilmt haben, eine generelle Sichtweise auf die Welt ist. Wir erzählen eine ganz konkrete, eigene Geschichte mit genau diesen 25 Schülern, mit genau diesem Lehrer. Die Zusammensetzung der Klasse mag repräsentativ für ein bestimmtes Stadtviertel in Frankreich sein, wo es eben diese ethnische Vielfalt gibt – aber dass das wirklich so passiert ist, ist Zufall.

Interview: Magdalena Miedl / November 2008

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