Ozonhoch

Interview mit François Ozon zu Ricky - Wunder geschehen

Frankreichs Regie-Wunderkind François Ozon ist erwachsen geworden – doch seine Kino-Träume fliegen deshalb nicht tiefer, ganz im Gegenteil. SKIP traf ihn bei der ­Berlinale, wo er sein neuestes Werk Ricky – Wunder geschehen präsentierte.

SKIP: Eines der interessantesten Details aus Ricky ist gleichzeitig auch eine ganz große Überraschung. Sollen wir das Geheimnis bewahren, um den Zuschauern den Genuss nicht zu nehmen?

François Ozon: Sie meinen das fliegende Baby? Womit ich Ihre Frage ja schon beantwortet habe (lacht). Für mich ist das nur ein Element in meinem Film, nicht das Allerwichtigste. Ich brauchte das Baby, um dem Geist dieser Familie auf den Zahn zu fühlen. Darüber wollte ich etwas erzählen. Wie eine Familie zusammenlebt, wie die einzelnen Mitglieder ihren Platz finden. Die Familie ist ein Hort der Liebe, aber gleichzeitig auch ein Schauplatz für Hass und Gewalt. Auch ein Platz, von dem man oft fliehen möchte. Einfach davonfliegen z. B. (lacht).

SKIP: Man merkt dem Film richtig an, dass Sie einen Riesenspaß dabei hatten, die Zuschauer auf diverse falsche Fährten zu locken.

François Ozon: Auf alle Fälle! Am Anfang wollte ich jedenfalls so realistisch wie möglich sein, man soll erst mal glauben, dass man in einem Film von den Dardennes oder Ken Loach sitzt. Und dann bringe ich ein Fantasy-Element in ein Genre rein, wo man das überhaupt nicht erwartet. Damit wird alles etwas verschoben, schräg, und vielleicht etwas völlig Neues. Sowas mag ich. Wir brauchen alle viel mehr Fantasie, Vorstellungskraft, Träume, die sich mit dem alltäglichen Leben vermischen sollten. Das ist auch meine Vision von Kino. Generell sind Kino, meine Fantasien, meine Träume essenziell für mich, um das Leben überhaupt zu ertragen – sonst wäre es doch viel zu gewöhnlich.

SKIP: Sie brauchten bei Ricky auch erstmals richtige Special Effects, verschlang das nicht einen großen Teil Ihres Budgets?

François Ozon: Das Budget belief sich auf recht schlanke sechs Millionen Euro, für die Special Effects haben wir eine Million davon verbraucht, also nicht allzu viel. Aber es ist immer ein Riesenkampf, einen Film zu finanzieren. Jedes Mal, wenn du versuchst, etwas Neues zu machen und keinen Aufguss von früheren Erfolgen, wird es wirklich hart. Noch dazu bei dem Casting. Meine Hauptdarstellerin Alexandra Lamy kennt man in Frankreich nur aus dem Fernsehen, das wird in unserer Kinoszene nach wie vor nicht leicht akzeptiert. Und mein letzter Film war schließlich ein Riesenflop, das hat es auch nicht gerade erleichtert (lacht).

SKIP: Aber das größte Casting-Problem war ja wohl das Baby ...

François Ozon: (lacht) Allerdings. Aber ich fand raus, dass bei sowas die Mutter des Babys viel wichtiger ist als das Kind selbst. Mir hätten viele Babys für den Part gefallen, aber wenn die Mutter schon hysterisch zu schreien beginnt, wenn ich das Kind nur angreife, dann bringt das nichts (lacht). Die Mutter von unserem kleinen Arthur ist Stewardess, also war es für sie wohl nicht so schlimm, ihr Kind fliegen zu sehen (lacht).

SKIP: Wie haben Sie das Baby eigentlich dazu gebracht, immer genau so zu reagieren, wie es der Film benötigt?

François Ozon: Das Baby war so happy beim Fliegen, da ging alles wie von selbst (lacht). Babies haben ja keine Höhenangst, das kennen sie nicht. Im Making of werden Sie dann viele lustige Dinge sehen. Obwohl, ich selbst komme da wohl ziemlich krank rüber, ich rufe die ganze Zeit "Höher, höher!" während sich alle um mich herum Sorgen um das Baby machen (lacht). Das Ganze funktioniert ja mit Seilen, die sind so dünn, man glaubt nicht, dass das klappen könnte.

SKIP: Und wie haben Sie Szenen wie jene realisiert, wo das Baby zum Beispiel gegen das Fenster knallt?

François Ozon: Dafür habe ich einfach ein anderes Baby verwendet (lacht).

Interview: Kurt Zechner / Februar 2009

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