Palmen am Abgrund

Interview mit Michael Haneke zu Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte

Herzlich aber hart. Kaum zu glauben, dass dieser freundlich wirkende, bärtige Herr einer der gnaden­losesten Beobachter menschlicher Abgründe ist, den die Kinowelt je gesehen hat. SKIP traf Michael Haneke in Cannes, wo er für Das weiße Band mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.

Cannes kanns ja doch: Beim insgesamt sechsten Cannes-Anlauf wurde Michael Haneke für Das weiße Band, seine düstere Metapher über die Wurzeln von Gewalt und Unter­drückung, endlich mit der Goldenen Palme geehrt – jetzt steigt er ein ins Oscar-Rennen.

SKIP: Sie sagen, dass Sie mit Das weiße Band die Wurzeln von Terrorismus und Totalitarismus aufzeigen. Ist Ihnen das gerade jetzt besonders wichtig?

Michael Haneke: Das hat immer unmittelbare Aktualität. Die Tendenz zu einem faschistischen oder terroristischen Verhalten gibt es immer, auf allen Ebenen. Politisch rechts, politisch links, natürlich auch religiös – von den Kreuzzügen bis zu den islamistischen Terroraktionen, dieses Thema ist stets aktuell.

SKIP: Der Faschismus ist quasi zentrales Thema dieses Films, der dennoch aber am Vorabend des Ersten Weltkriegs angesiedelt ist ...

Michael Haneke: Die Hauptfiguren in meinem Film sind ja die Kinder: Eine Gruppe von Kindern, die in einer Welt extrem strenger Ideale lebt, die von den Erwachsenen vorgegeben werden. Doch diese Erwachsenen leben selbst nicht danach. Und deshalb werden die Kinder, die ja dazu neigen, Dinge sehr ernst und absolut zu nehmen, zu den Richtern derer, die sie gelehrt haben. Es ging mir darum, die Generation zu zeigen, die hier gebildet wird und die dann beim Aufkommen des Faschismus genau im "richtigen" Alter ist. Zu zeigen, wie das Verabsolutieren einer Idee oder eines Ideals automatisch zu terroristischen Methoden führt. Sobald ich mich im Besitz der Weisheit glaube, werde ich versuchen, die, die nicht der selben Meinung sind, entweder zu bekehren oder auszumerzen.

SKIP: Wie war die Arbeit mit den Kindern?

Michael Haneke: Spannend, spannend. Vor der größten Schwierigkeit standen wir ja noch vor Drehbeginn: Im Film spielen so viele Kinder teilweise sehr schwierige Szenen – die muss man überhaupt erst einmal alle finden! Und die, die wir fanden, sind sehr gut, aber mit den ganz Kleinen war das natürlich recht schwierig. Weil die sich halt nicht so lange konzentrieren können. Die sitzen da, sagen ihre zwei Sätze, und dann wollen sie schon wieder irgendwohin. Da braucht man halt Geduld und Nerven, um die behutsam dorthin zu bringen, wo man sie haben möchte. Aber das ist ja auch spannend.

SKIP: Der Film hat im deutschsprachigen Raum einen Unter­titel, in der internationalen Fassung nicht  ...

Michael Haneke: In Deutschland und Österreich kann man ihn gern als einen Film über den Faschismus verstehen, deshalb ist der in Kurrentschrift geschriebene Untertitel Eine deutsche Kindergeschichte auch nirgends übersetzt. Den werden nur die Deutschen verstehen, und da auch nur die ältere Generation, die jüngere wird es wohl gar nicht lesen können (lacht). Prinzipiell geht es in Das weiße Band aber um die Wurzeln von Terrorismus generell, nicht etwa um irgendein deutsches Problem, und ich möchte, dass das international auch so gesehen wird.

SKIP: Der Film endet sehr ambivalent ...

Michael Haneke: Weil ich mir natürlich nicht anmaße, in einem Film Ursachen des Faschismus erklären zu können. Das ist ja auch gar nicht meine Absicht und wäre recht dämlich. Deswegen vermeide ich auch immer Schlüsse, wo dann alles erklärt wird. Ich versuche mich in meiner Arbeit immer der Widersprüchlichkeit der Wirklichkeit anzunähern. Und in der Wirklichkeit ist es eben auch so, dass viele Dinge im Dunklen bleiben. So wie der Erzähler am Anfang sagt: "Ich weiß nicht, ob alles, was ich hier erzähle, der Wahrheit entspricht oder ob ich mich richtig erinnere. Und vieles weiß ich nur vom Hörensagen." Nur im Kino und vor allem im Fernsehen löst sich immer alles auf.

SKIP: Das weiße Band funktioniert ein bisschen anders als sonst Michael-Haneke-Filme. Meist reißen die ganz unmittelbar rein in die Spannung, hier kommt die Reaktion vielleicht erst lange nach der Vorführung, die Bilder kommen wie Flashbacks zurück …

Michael Haneke: Ich höre stets sehr unterschiedliche Berichte über das Erleben meiner Filme. Ich habe auch schon gehört, wie jemand sagte, er saß von der ersten Sekunde an wie gebannt drinnen, so spannend wäre es. Ein Film findet nie auf der Leinwand sein Ende, sondern erst im Kopf des Zuschauers. Das ist ja das Schöne an Literatur und Film: Jeder liest oder sieht sein eigenes Werk.

SKIP: Ich fand es etwas schade, dass die Hoffnung zu kurz kommt in Das weiße Band ...

Michael Haneke: Na, entschuldigen Sie, so ein Liebespaar wie hier haben Sie doch noch selten gesehen! Die sind doch entzückend (lacht). Was wollen Sie noch mehr? (lacht) Für einen Haneke-Film ist das schon das Maximum.

SKIP: Nach Ihrer Goldenen Palme und Christoph Waltzs Erfolg sprach man vom nächsten Kapitel des österreichischen Filmwunders. Glauben Sie, dass die Situation für Filmschaffende in Österreich endlich besser wird?

Michael Haneke: Es wird sich nichts ändern, höchstens schlechter werden. Mit den Preisen hat das gar nichts zu tun. Ich hätte ja zuvor auch schon einige gewonnen, Ruzowitzky den Oscar, Spielmann war nominiert ... das alles nutzt offenbar überhaupt nichts. Es wird zwar gern im Mund geführt, dass man jetzt etwas für den Film tun wird, aber passieren tut dann nichts. Ich verstehe schon, es ist halt wirklich wenig Geld da. Aber man könnte es vielleicht manchmal auch ein bisschen anders ausgeben.

Interview: Kurt Zechner / Mai 2009

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