Menschlich betrachtet

Interview mit Ute Bock zu Bock for President

Die gute Ute. Im SKIP-Interview erzählt Ute Bock, warum sie nie genug bekommt und jetzt auch noch Filmstar wird - und wie sie es schafft, nicht die Hoffnung zu verlieren, obwohl sie immer noch die Kronen Zeitung liest.

SKIP: Frau Bock, im Prinzip machen Sie nichts anderes als das Richtige und Naheliegende - und sind damit zum Phänomen geworden.

Ute Bock: Das ist erschreckend. Eigentlich ist das doch normal, wenn ich auf der Straße einen sehe, der etwas braucht, und ich habs, dass ich ein bisschen was hergebe. Es bettelt doch keiner, weils so lustig ist.

SKIP: Sie tun so viel, und doch wird das, was Sie noch tun könnten, immer mehr. Wie schafft man es, nicht einfach aufzugeben?

Ute Bock: Vielleicht ist das schon ein bisserl mein Altersstarrsinn (lacht). Dass ich mir denke, das kanns doch alles nicht geben - und ich möchte gerne, bevor ich endgültig abtrete, wissen, dass das in Ordnung ist. Das ich das nicht zusammenbring, das weiß ich schon, ich bin ja kein Trottel. Aber man sollte es wenigstens versuchen.

SKIP: Sie erfahren jeden Tag von unglaublich tragischen Schicksalen wie gehen Sie damit um, wie verarbeiten Sie das?

Ute Bock: Das lernt man mit der Zeit. Ich habe lange Zeit ein Wiener Kinder- und Jugendheim geleitet. Zu uns hat man die gebracht, die sonst keiner haben wollte, das "Gsindl", wie sie genannt worden sind. Da habe ich auch viel Schlimmes gesehen. Ich mach oft einen blöden Witz, um einer Situation die Schärfe zu nehmen. Wenn zum Beispiel einer kommt und sagt, "Ich hab so einen Hunger, ich hab schon drei Tage nichts mehr zu essen gehabt!", dann sag ich: "Dann gewöhn dirs gar nicht mehr an, das kommt viel billiger."

SKIP: Was denken Sie, wenn Sie nach so einem Gespräch an einer Auslage voller Schlankheitspillen vorbeigehen?

Ute Bock: Da muss man wegschauen. Oder man haut die Scheibe ein, es gibt nur die zwei Möglichkeiten (lacht). Es ist irr.

SKIP: Man hat oft das Gefühl, in unserer Gesellschaft gibt es zwei Parallelwelten: Die, die nichts haben, und die, die im Überfluss leben. Dazwischen gibt es kaum etwas.

Ute Bock: Was ich oft geschenkt krieg, was Leuten einfach übrig bleibt - unglaublich. Ein Politiker hat mir mal 60 Brathühner geschickt, die ihm von einer Party einfach übriggeblieben sind. 60 ganze Hendln! Ich bekomme jeden Samstag abend von einem großen Supermarkt 5 riesige Säcke voll mit Brot und Mehlspeisen, die sonst weggeworfen würden. Ich darf da ja gar schimpfen drüber, weil ich bin froh, dass ich das krieg.

SKIP: Wie entstand eigentlich die Idee zu dem Film, und wie lang hat man Sie gequält, bis Sie ja gesagt haben?

Ute Bock: (lacht) Der Regisseur ist mein Schwager, er war mit meiner Schwester verheiratet. Es ist also ein Familienwerk. Das hat es einfacher gemacht. Und er hat immer schon gesagt, dass er einen Film über mich machen will, und jetzt hat er ihn halt gemacht.

SKIP: Und macht Sie damit noch bekannter ...

Ute Bock: Das hätt ich mir sparen können, diesen komischen Ruhm.

SKIP: Hift er nicht auch ein bisschen?

Ute Bock: Ja, schon. Weil sonst hab ich ja kein Geld. Es gibt unheimlich viele Leute, die spenden. Doch noch unheimlicher wirds mir, wenn ich sehe, wieviel Leute es gibt, die nichts mehr haben. Nichts. Und soviel ich auch betteln gehe, es ist einfach nie genug. Ich erhalte momentan 25 Flüchtlingsfamilien, dazu zahle ich die Vorstudien-Lehrgänge für die, die studieren wollen, weil ich es für sehr wichtig halte, dass die eine Ausbildung bekommen. Dann zahle ich Bleistifte und Schulhefte und Schultaschen und was weiß der Teufel was alles, was vom Staat nicht bezahlt wird - was ich nicht verstehe, die Kinder brauchen das doch! So wie mehrere Monatskarten für die Verkehrsbetriebe. Zum Vollpreis. Wissen Sie, ich als alte Schachtel mit einer Pension, die nicht so schlecht ist, zahle bei den Verkehrsbetrieben den halben Preis. Die Studenten fahren verbilligt. Die Sozialhilfeempfänger zahlen 15 Euro. Die Kinder zahlen auch weniger. Jeder kriegt irgendeine Ermäßigung. Nur die, die gar nichts haben, zahlen die volle Länge. Was ist das bitte?

SKIP: Haben Sie eigentlich nie den Impuls, zu sagen: "So, jetzt habts mich mal alle gern, ich fahr auf Urlaub?"

Ute Bock: Nein. Ich wüsste doch gar nicht, was ich da tun sollte in so einem Urlaub. Kronen Zeitung lesen vielleicht?

SKIP: Ertragen Sie das noch? Kronen Zeitung lesen?

Ute Bock: Ja, schon. Ich lese vor allem die Leserbriefe. Die sind schrecklich, stimmt schon. Aber man muss das wissen. Man muss wissen, wie die Menschen sind.

SKIP: Macht einen das nicht hoffnungslos?

Ute Bock: Nein.

SKIP: Die Menschen, denen Sie helfen, sind ja auch oft wenig dankbar – viele sind traumatisiert und sozial schwer daneben. Wie geht man damit um?

Ute Bock: Das ist mir wurscht. Manche sind einfach wirklich unglaublich arm.

SKIP: Haben Sie eigentlich vor irgend etwas Angst?

Ute Bock: Schon lange nicht mehr.

Interview: Gini Brenner / September 2009

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