Lauf, Räuber, lauf: Im SKIP-Exklusiv-Interview erzählt Der Räuber-Hauptdarsteller Andreas Lust von Training, Todesangst und TV-Startum.
Eigentlich wollte Andreas Lust, geboren 1967 in Wien, Theaterschauspieler werden. Nach der Schauspielschule winkte bereits ein fixes Engagement, doch dann kam Filmemacher Wolfgang Murnberger dazwischen, der Lust in seinem vielbeachten Drama Ich gelobe sehen wollte. So hieß es denn Auf Wiedersehen, Bühne, hallo Kamera: Mit eindringlichen Performances in zahlreichen TV- und Kinofilmen (Der Unfisch, München, Revanche) und nicht zuletzt durch seine Rolle als Ursula Strauss’ Ex-Ehemann in der TV-Serie Schnell ermittelt machte sich Lust unentbehrlich, als titelgebender Räuber in Benjamin Heisenbergs Psycho-Krimi Der Räuber joggt der glückliche Vater eines 10-monatigen Sohnes nun endgültig in die vorderste Austro-Liga.
SKIP: Eigentlich ist Der Räuber ja weniger ein Krimi denn ein Drogenfilm ...
Andreas Lust: Ja, stimmt (lacht). Der Rettenberger, meine Filmfigur, ist tatsächlich die ganze Zeit auf Drogen. Er ist ein echter Adrenalin-Junkie. Er spürt sich nur in seinem High, und das braucht er beständig. Das, und die Gewissheit, am Leben zu sein: Er misst ständig Zeit, Strecke und Puls, in verschiedenen Versuchsanordungen – heute mit Bank, morgen ohne Bank. Er sah keine Robin-Hood-mäßige soziale Aufgabe darin, das Geld war ihm scheißegal. Das hat er hinter einem Wandverbau versteckt gehabt und nie einen Groschen davon angegriffen. Ihm ging es nur um den Adrenalinkick. Rettenberger ist ein Getriebener, gesteuert von seinen Instinkten. Als wir uns das erste Mal getroffen haben, hat Benjamin Heisenberg zu mir gesagt: „Weißt du, wir machen eine Tierdoku! Wir beobachten ein Tier in freier Wildbahn.“ Das fand ich genial.
SKIP: Wie haben Sie in diese Figur reingefunden?
Andreas Lust: Es war auf jeden Fall eine ganz andere Arbeit, als ich gewohnt war, weil ich doch eher Charaktere schnell mit Inhalt oder Emotionalität anfülle, und in diesem Fall war die Aufgabe, sich abzuschneiden und loszumachen von sämtlichen sozialen Bindungen, sich völlig zu reduzieren auf reine Energie, ohne Denken in moralischen Kategorieren und ohne soziale Bindung. Speziell im zweiten Teil des Films, seiner Flucht, da hab ich mir gar nicht mehr überlegt, was und wie ich da spielen möchte – ich bin einfach nur gelaufen (lacht). Da musste auch nichts mehr nachgeschminkt werden, schweiß-überströmt und fix und fertig war ich sowieso.
SKIP: Wie kommt man von so einer Rolle wieder runter?
Andreas Lust: Das hat diesmal ein bisschen länger gedauert als sonst (grinst). Ich habs rausgelaufen. Noch ein paar Kilometer drangehängt.
SKIP: Wie lange haben Sie vor dem Film trainiert?
Andreas Lust: Laufen ist mir nicht fremd, ich bin vorher auch schon viel gejoggt, ganz abgesehen davon, dass ich viel Fußball gespielt habe – ein Basistraining war also vorhanden. Wir haben drei Monate vor Drehbeginn mit dem Lauftraining begonnen, der Marathonlauf erfordert ja eine spezielle Lauftechnik. Mein Trainer war übrigens der Martin Prinz (der Autor der Romanvorlage, Anm.) selber.
SKIP: Und was ist von der Topform übriggeblieben?
Andreas Lust: Erst mal war ich froh, dass es vorbei war (lacht). Halbnackt im Winter am Cobenzl oben herumlaufen, das war schon hart. Aber geblieben ist letzlich das, was vorher auch da wa: ein Bezug zum Laufen. Das taugt mir, weil es genügt sich selbst. Man braucht keine Ausrüstung, kein Sportgerät, man kann jederzeit loslaufen – und es ist sehr meditativ, ich kann schnell einen Zustand erreichen, wo sich quasi der Körper vom Geist trennt, und ich kann die Gedanken frei fließen lassen.
SKIP: Und es macht die Knie kaputt.
Andreas Lust: Ach, das kommt auf den Untergrund und die Schuhe an. Außerdem: Das ganze Leben macht den Körper kaputt.
SKIP: Die Story basiert ja auf einer wahren Geschichte, ist aber recht weit davon entfernt ...
Andreas Lust: Ja, Martin Prinz hat sehr viel abstrahiert. Ich habe selber viel recherchiert und versucht, soviel wie möglich über den echten Bankräuber herauszufinden. Ich kann mich auch noch dunkel an diese Wochen voller Kronenzeitung-Schlagzeilen erinnern: "Pumpgun-Ronnie wieder entkommen ...“ Man hat ja damals fast mitgefiebert und Sympathie entwickelt für diesen waghalsigen Kerl. Den Leuten hat das richtig gefallen, wie der da der Polizei auf der Nase herumtanzt.
SKIP: Offenbar hat die Polizei mittlerweile ihren Frieden damit geschlossen – im Film spielen nicht nur einige der damals ermittelnden Polizisten quasi sich selber, sondern man sieht auch ganze Polizeistaffeln in Aktion ...
Andreas Lust: Ja, es waren mehrere Ex-Kriminalpolizisten dabei, wir durften an Polizei-Schauplätzen drehen wie etwa in der Rossauer Kaserne, und auch die Polizeihundestaffel, die mich durch den Wald verfolgt, war echt. Das war überhaupt ziemlich extrem – ich war die ganze Zeit fix und fertig, hab mich dann schon gar nicht mehr geduscht, weil es wäre eh wurscht gewesen. Jeden Tag um drei in der Früh aufstehen, im finsteren Wald um dein Leben rennen, die ganze Zeit bergauf ... Im Frühnebel sieht man fast nichts, hört die ganze Zeit nur diese Polizeihunde, die hinter dir die Zähne fletschen ... das macht echte Angst. Ich glaube nicht, dass den lieben Hunderln wirklich bewusst war, dass wir da nur einen Film drehen. "Der da vorne, das ist der Böse, den müssen wir kriegen!“ Das waren Momente, da war mein Angstschweiß echt. Ich habe nur gehofft, dass die Hundeführer ihre Schützlinge auch wirklich im Griff haben. Denn seltsamerweise waren um diese Uhrzeit die Kollegen von der Polizei auch nicht alle sooo super drauf (lacht).
SKIP: Im TV sieht man Sie zur Zeit wieder auf der "anderen Seite“, in Schnell ermittelt spielen Sie ja eine der Hauptrollen, den Gerichtsmediziner Stefan Schnell. Die Serie ist ziemlich erfolgreich, merkt man schon was vom Starruhm?
Andreas Lust: Ach, ich weiß nicht (lacht). Ein richtiges Starwesen gibts ja in Österreich kaum. Hier ist der Neid oft größer als der Stolz (grinst). Jedenfalls hab ich auch gerade noch eine TV-Serie gemacht, FC Rückpass heißt die, mit Lukas Resetarits und Thomas Maurer, die kommt auch 2010 ins Fernsehen, und da gehts um das Menschengeflecht und das Intrigen- und Ränkespiel rund um einen Verein der Fußball-Landesliga. Das zu drehen hat sehr viel Spaß gemacht – eine schöne Abwechslung!
Interview: Gini Brenner / Dezember 2009