Schwer im Kommen

Interview mit Nora von Waldstätten zu Schwerkraft

Die schöne Gangsterbraut: Nach ihrer Rolle in Schwerkraft spielte die Wienerin und Wahlberlinerin Nora von Waldstätten die Frau von Superterrorist Carlos in Olivier Assayas’ spektakulärem Biopic. SKIP traf sie in Cannes.

SKIP: Nora, was ist das für eine Figur, die du in Schwerkraft spielst?

Nora von Waldstätten: Ich spiele Nadine, die Ex-Freundin des Protagonisten. Ich werde von dem seit Jahren verfolgt und gestalkt, ohne dass ich es weiß. Eines Tages kommt es dann wieder zum Zusammentreffen mit diesem Mann, von dem sich meine Figur durchaus aus guten Gründen getrennt hat, aber er   hat mittlerweile sein Leben ziemlich umgekrempelt. Es ist eine schicksalhafte Begegnung. Die zwei gehören zusammen. Manche Menschen wird man eben im besten Sinne nicht los, ob man will    oder nicht (lacht).

SKIP: Wo habt ihr gedreht?

Nora von Waldstätten: In Halle und Leipzig. Es freut mich sehr, dass der Film jetzt überall so tolle Kritiken bekommt, denn die Arbeit daran war echt ein Vergnügen. Mein Filmpartner Fabian Hinrichs ist ein ganz toller Kollege, und mit Jürgen Vogel hab ich mich auch spitze verstanden. Wir hatten zwar keine gemeinsame Szene, aber wir haben uns oft in der Kälte beim Catering auf ein Kaffeetscherl getroffen.

SKIP: Und danach hast du in Carlos gleich eine richtige Gangsterbraut gespielt ...

Nora von Waldstätten: Ja, genau! Und das beste war, dass ich noch während der Dreharbeiten zu Schwerkraft grünes Licht für Carlos bekam und damit am Set angeben konnte (lacht).

SKIP: Einige der Schlüsselszenen von Carlos spielen ja im Wien der 70er. Wie war das für dich, deine Heimatstadt so zu sehen, du bist ja in Wien aufgewachsen ...

Nora von Waldstätten: Das Verrückte ist, dass mir als Kind mein Vater jedes Mal, wenn wir am OPEC-Gebäude vorbeigefahren sind, von Carlos und der Geiselnahme 1975 erzählt hat. Damals fand ich das natürlich unfassbar faszinierend, spannend und auch absurd. Ein paar Jahre später den Anruf zu kriegen, dass ich in einem Film die Frau dieses Geiselnehmers spielen darf, das war ziemlich großartig. Leider komme ich ausgerechnet in den Wien-Szenen nicht vor! Die Teile mit mir spielen hauptsächlich in Budapest und Paris.

SKIP: Hast du wenigstens das Wiener Set besucht und den Kollegen Insider-Tipps gegeben?

Nora von Waldstätten: (lacht) Nein, das hatte ich mir zwar vorgenommen, es ging sich aber leider zeitlich nicht aus.

SKIP: Seit wann lebst du eigentlich in Berlin?

Nora von Waldstätten: Schon seit 2001. Ich bin gleich mal nach der Matura nach Berlin umgezogen und hab eine Schauspielausbildung gemacht - und schon parallel dazu meinen ersten Film gedreht, Jargo. Wenig später hab ich am Deutschen Theater debütiert, in Elfriede Jelineks Prinzessinnendramen. Seither bin ich eigentlich immer fleißig gewesen (lacht).

SKIP: Ziehts dich nie zurück nach Wien?

Nora von Waldstätten: Doch, es gibt für mich kaum was Schöneres, als zurück nach Hause zu kommen. Da marschier ich immer gleich los und esse mein Wiener Schnitzel. Diese Erfahrung - also, nicht nur das Schnitzel (lacht) - ist mir sehr wichtig.

SKIP: Was hältst du eigentlich von unseren österreichischen prämierten Regie-Exporten? Mittlerweile gehört es ja selbst in Hollywood zum guten Ton, zu erwähnen, dass man unbedingt mit Haneke drehen möchte ...

Nora von Waldstätten: Kann ich gut verstehen, Haneke ist einfach ein Meister! Ohne Frage, da wär ich auch sofort dabei. Götz Spielmann find ich auch ganz spannend. Generell würde ich jetzt gerne mal einen Film in Österreich drehen, schließlich wohnt ja auch eine österreichische Seele in meiner Brust (lacht)!

SKIP: Kannst du es dir eigentlich schon leisten, bei deiner Rollenwahl wählerisch zu sein?

Nora von Waldstätten: Ich finde, man kann gar nicht früh genug damit anfangen, auch wenn man sichs vielleicht ökonomisch noch gar nicht leisten kann.

SKIP: Wird dir viel Blödsinn angeboten?

Nora von Waldstätten: Nun, es kommen natürlich immer wieder Drehbücher wo man sich sagt: "Um Gottes Willen!“, aber zum Glück werden mir seit einigen Jahren ganz tolle Projekte offeriert. Ich habe da immer den Fokus auf der Qualität des Buches und auch darauf, welcher Regisseur das machen möchte. Es ist ja doch recht viel Lebenszeit und auch Kraft, die man in so einen Film investiert, deshalb ist es für mich immer ganz wesentlich, welche Geschichte da erzählt werden will.

SKIP: Gabs nie einen Moment in deiner Karriere, wo du das Gefühl hattest, es wird nichts?

Nora von Waldstätten: Momente des Zweifels gab es natürlich, logisch. Aber ernsthaft daran gedacht, den Hut draufzuhauen, hab ich nie. In schwachen Momenten sag ich mir immer: Wenns hart auf hart kommt, kann ich immer noch Köchin werden. Weil, ich liebe es zu kochen, und wenn es eng wird, mache ich mit Freunden ein Restaurant auf (lacht). Aber prinzipiell will ich schon diesen Beruf lebenslänglich ausüben.

SKIP: Wolltest du tatsächlich nie was anderes machen?

Nora von Waldstätten: Doch, als Kind. Erst Primaballerina, und dann dachte ich kurz, ich will Archäologin werden. Aber ein Stück weit bin ich das eh. Ich muss ja auch immer ganz viel graben ... (lacht).

Interview: Kurt Zechner / Mai 2010

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