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„Nackt sein ist mein Job“

Eintrag vom von Gini Brenner

Es gibt wenige Schauspielerinnen, die mit einem Blick so viel ausdrücken können wie Charlotte Rampling. Für ihre Rolle in Andrea Pallaoros Drama Hannah gab’s heuer in Venedig den Preis für die beste Darstellung – SKIP traf sie dort zum Interview.

SKIP: Wie schwierig war es für Sie, in die Figur der Hannah zu finden? Sie ist komplett anders als die Person, der ich gerade gegenübersitze …

Charlotte Rampling: Ich weiß! Leute fragen mich oft, warum ich nicht mehr Komödien drehe. Ich habe nicht nur eine fröhliche, sondern auch eine ziemlich dunkle Seite. Jetzt gerade sehen Sie mein sonnige Seite – und auf der Leinwand die dunkle. Mir gefällt diese Dualität gut. Besser als umgekehrt.

SKIP: In Hannah gibt es eine recht lange Nacktszene. Wie ging es Ihnen damit, hatten Sie Bedenken?

Charlotte Rampling: Im Gegenteil. Ich finde es wichtig, dass wir mehr ältere Frauen auf der Leinwand sehen, nackt und angezogen. Viel mehr Menschen als früher werden immer älter, und sie altern besser als früher – und möchten sich auch im Kino vertreten sehen.

SKIP: Ist es für Sie im Laufe der Jahre leichter oder schwieriger geworden, sich vor der Kamera nackt zu zeigen?

Charlotte Rampling: Mich zu entblößen, wörtlich und figurativ, ist mein Job. Und das mache ich einfach und denke nicht viel darüber nach. Das war schon bei Der Nachtportier so. Ich habe mich einfach in die Rolle reingeworfen und nicht lange überlegt, was ich tun soll. Was mich ein wenig aus der Bahn geworfen hat, war die Reaktion nach dem Film. Es war ein riesiger Skandal. Damit hatte ich irgendwie nicht gerechnet.

SKIP: Wenn Sie nun für Hannah einen Preis entgegennehmen – was bedeutet das dann für Sie? Was halten Sie von Awards im Allgemeinen?

Charlotte Rampling: Ich finde sie wunderbar. Sie stellen die Person, die den Preis erhält, ins internationale Rampenlicht – und es ist ein Ausdruck der Wertschätzung und der Bestätigung für eine Leistung. Als Künstler ist man oft allein mit seiner Arbeit, und wenn die dann vielen Leuten gefällt, ist das ein sehr schönes, warmes Gefühl. Was ich aber nicht so daran schätze, ist, dass besonders in den USA mittlerweile bei jedem Namen auf dem Filmplakat steht, wenn man irgendwas gewonnen hat. Und wenn man dann die Einzige ist, bei der nichts dabeisteht, fällt das ungut auf. „Was, die hat keinen Award gekriegt? Dann ist sie wahrscheinlich weniger gut als die anderen!“ (lacht)

SKIP: Ihr Kinodebüt ist jetzt 52 Jahre her – gab es in Ihrer langen Karriere eigentlich Entscheidungen, die Sie bereuen?

Charlotte Rampling: Man sollte gar nicht anfangen, über Dinge nachzudenken, die man falsch gemacht hat, sonst wird man verrückt. Ich bin glücklich darüber, ein paar echt gute Sachen in meinem Leben gemacht zu haben, privat wie beruflich. Natürlich gibt es viele wundervolle Dinge, die ich tun hätte können aber nicht getan habe, aber die waren halt nicht für mich.

SKIP: Hatten Sie als Frau im Filmbiz je Nachteile?

Charlotte Rampling: Nicht wirklich. Ich habe mich und meine Position als Frau immer verteidigt. Das konnte ich aber nur, weil das in meinem Berufsfeld möglich ist. Ich musste nie um meinen Status kämpfen. Aber es ist auch eine Frage der Ausstrahlung: Wenn man selbstsicher, angstfrei und durchsetzungskräftig wirkt, dann richten sich die Menschen nach einem. Weil sie denken, dass es sonst Probleme geben könnte. Das hat schon mein Dad immer gesagt: „Charlotte, mit dir wird sich nie jemand anlegen, so arrogant wie du bist.“

 

 

Hannah

Fotos: VIENNALE

Hannah

Drama. Italien/Belgien/Frankreich 2017. Länge 95 Min. Regie Andrea Pallaoro.
Besetzung Charlotte Rampling, André Wilms, Jean-Michel Balthazar. Kinostart Noch nicht bekannt.

Ein älteres Ehepaar fährt ins Gefängnis – er bleibt dort, sie fährt wieder heim. Nun ist Hannah (Charlotte Rampling) alleine und muss mit den Auswirkungen leben, die die Taten ihres Mannes auf sie haben. Was er getan hat, erfahren wir nie genau, aber man ahnt Unverzeihliches. Ihr erwachsener Sohn weigert sich, sie auch nur zu treffen, Menschen wenden sich von ihr ab. Mit wenig Dialog und viel Präzision erzählt Andrea Pallaoro das Drama einer Ausgestoßenen und ihrem Kampf ums seelische Überleben.

23.10., Gartenbaukino, 18:00 Uhr
27.10., Urania, 13:30 Uhr

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