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Eintrag vom von Julia Pühringer

Er widmet sich in den schönsten Farben der Kehrseite des American Dream: Sean Baker porträtiert in seinen – durchaus nicht unfröhlichen – Dramen mit viel Herz die Verlierer in einem System, das nur wenige gewinnen lässt. The Florida Project ist ein funkelnder Rohdiamant.

SKIP: Haben Sie die Darstellerin der Mutter in The Florida Project tatsächlich via Social Media gefunden?

Sean Baker: Ja, ich habe Bria Vinaite auf Instagram gecastet. Dabei hatten wir diesmal mehr Geld als sonst, und die Finanziers wollten alle, dass wir eine Hollywood-Größe engagieren. Ich will jetzt keine Namen nennen, aber alle A-List-Schauspielerinnen waren im Gespräch. Aber ich habe die Story so nicht geglaubt und wusste, auch dem Publikum würde es so gehen. Dann bin ich über ein Posting von ihr gestolpert, und sie hatte diese jugendliche Energie …

SKIP: Das muss für Bria aufregend gewesen sein!

Sean Baker: Anfangs war sie natürlich nervös, sie wusste ja nicht, was ihr bevorstand. Außer, dass ein zweimonatiger Schauspiel-Crashkurs auf sie wartete und danach musste sie mit Willem Dafoe spielen. (lacht) Aber die Chemie stimmte sofort, auch mit den Kindern. Und sie hat das toll hingekriegt.

SKIP: Auch die Locations spielen in Ihrem Film eine wichtige Rolle. Gab es auch welche, an denen Sie drehen wollten, die Sie aber nicht bekommen haben?

Sean Baker: Ja, einige Motels wollten nicht, dass wir dort drehen, weil sie in den Nachrichten schon mal schlecht weggekommen sind. Die hatten Angst, dass ihnen das mit uns noch einmal passiert. Das waren Plätze, wo es echte Probleme gibt: Drogenhandel, Prostitution, Gangs … oft durften wir dort nicht einmal das Grundstück betreten.

SKIP: Ihre Filme spielen oft am Rande der Gesellschaft – woran liegt das?

Sean Baker: Ich denke es ist eine Reaktion darauf, dass diese Geschichten in anderen Filmen nicht erzählt werden. Ich habe nie verstanden, warum die US-Filmindustrie so engstirnig ist. Klar, das hat mit einem Mangel an Diversität hinter der Kamera zu tun. Ich will die Geschichten von denen hören, die unterrepräsentiert sind. Rein soziologisch ist das beinahe selbstsüchtig von mir: Ich möchte mehr über die Welt wissen.

SKIP: Wie haben Sie recherchiert?

Sean Baker: Wir haben Anlaufstellen für obdachlose Familien kontaktiert. Die haben uns dann Familien vorgestellt. Wir sind auch direkt zu den Motels gefahren und haben mit Leuten gesprochen, wir haben auch mit dem Motel-Manager gesprochen und wir haben mit Kindern gesprochen. Ich habe ein fünfzehnjähriges Mädchen kennengelernt, die war schon bei zwei Pflegefamilien. Sie hat einfach gesagt: „Es war keine besonders tolle Zeit“, das war fürchterlich traurig. Ich wollte sie dann gar nicht mehr weiter ausfragen.

SKIP: Wie haben Sie Willem Dafoe gecastet?

Sean Baker: Wir haben die Rolle nicht für ihn geschrieben. Erst, als er ins Gespräch kam, konnten wir ihn uns als Bobby vorstellen. Er ist total unkompliziert, einfach der netteste Kerl, den man sich überhaupt vorstellen kann. Er musste große Geduld haben, er hat ja mit lauter Laien gedreht! Da kann es schon passieren, dass jemand in einer Nebenrolle plötzlich zeigen will, was er drauf hat, und Dafoe die Show stehlen will. Er hat dann nur mit den Augen gerollt.

 

 

The Florida Project

Fotos: pps.at, VIENNALE

The Florida Project

Drama. USA 2017. Länge 115 Min. Regie Sean Baker. Besetzung Willem Dafoe, Brooklynn Prince, Valeria Cotto. Kinostart Noch nicht bekannt.

Moonee (Brooklynn Prince) ist sechs Jahre alt und dafür ganz schön altklug. Kein Wunder: Mit ihrer Mutter Halley (Bria Vinaite) lebt sie in einem knallpastellfarbenen Motel mit dem euphemistischen Namen “The Magic Castle“. Hier wohnen die, die kein Zuhause mehr haben. Moonee treibt sich mit den anderen Kindern herum und macht Hotelmanager Bobby (Willem Dafoe) das Leben schwer … Nach Starlet und Tangerine das nächste funkelnde, wahrhaftige kleine Meisterwerk von Humanist Sean Baker.

27.10., Gartenbaukino, 18:00 Uhr
28.10., Metrokino, hist. Saal, 11:00 Uhr
31.10., Gartenbaukino, 06:30 Uhr

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