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„Bin ich dabei, mich zu verlieben?“

Eintrag vom von Gini Brenner

Die französische Regie-Ikone Claire Denis ist normalerweise nicht für leichtfertigen Witz bekannt – doch mit Un beau soleil intérieur gelang ihr eine tiefsinnige, aber ziemlich lustige Komödie über die Liebe. Ganz unabsichtlich, wie sie uns im Interview erzählt.

SKIP: Dieser Film ist für Ihre Verhältnisse ungewöhnlich locker und lustig …

Claire Denis: Ganz ehrlich: Beim Schreiben habe ich gar nicht so mitbekommen, dass das eine Komödie wird, es sollte um Liebeskummer gehen. Ich meine, ursprünglich hätte der Film „Agonie“ heißen sollen. (lacht) Das wollte dann der Produzent nicht.

SKIP: Haben Sie dann beim Dreh bemerkt, wie komisch der Film wird?

Claire Denis: Ach, beim Dreh habe ich so mit Juliettes Filmfigur mitgefühlt, dass ich gar nicht über sie lachen konnte. Außerdem habe ich mir die ganze Zeit Sorgen gemacht, dass wir unser Budget überschreiten oder zu lange brauchen. Das war auch nicht witzig. Erst dann im Schneideraum haben wir gar nicht mehr aufgehört zu kichern.

SKIP: Wie war es, mit Juliette Binoche zu arbeiten? Normalerweise arbeiten Sie ja nicht mit so großen Stars.

Claire Denis: Mich kümmern weder Ruhm noch Erfahrung meiner Schauspieler. Wenn ich arbeite, ist jeder Film wie mein erster, ich bin nervös und aufgeregt, und vielen Schauspielern geht es genauso. Mit der Erfahrung ist es seltsam: Man wird davon nicht selbstsicherer, man lernt durch sie keine Tricks. Man sieht nur immer mehr Dinge, die schiefgehen können. Aber man lernt auch, ehrlicher zu werden, und sensibler. Ich glaube, ich kann heute andere Leute viel besser einschätzen als früher.

SKIP: Juliette Binoches Figur bekommt es mit unterschiedlichsten Männertypen zu tun. Kennen sie die aus dem echten Leben?

Claire Denis: Nicht wirklich. Ich hatte zum Beispiel nie eine Affäre mit einem Bankier, das tut mir rückblickend eh ein bisschen leid.

SKIP: Glauben Sie, ist Liebeskummer mit dem Alter einfacher oder schwieriger zu ertragen?

Claire Denis: Hm …  Mit 13, 14 war die einzige Lösung, die ich mir bei Liebeskummer vorstellen konnte, mich umzubringen. Liebe im Teenageralter ist immer voller Verzweiflung. Allerdings ging ich in meinen 30ern in puncto Liebe auch oft durch die Hölle. Aber es war eine andere Hölle. Da ging’s nicht um Selbstmord, sondern ich dachte, mein Leben wäre bedeutungslos. Und wenn man alt wird, beginnt der verzweifelte Marsch in Richtung Ende. Werde ich einen Begleiter haben, der ihn mit mir geht? Der mich füttert und lieb hat, wie im Beatles-Song "When I'm Sixty-Four"? Der Schmerz wird weder stärker noch schwächer, es ist in jedem Lebensabschnitt ein anderer Schmerz. Obwohl ich keine Angst vor Einsamkeit habe. Ich konnte schon als Kind Einsamkeit als etwas Wertvolles betrachten. Aber trotzdem zu wissen, dass die Liebe irgendwo da draußen ist.

SKIP: Ist sie das?

Claire Denis: Wissen Sie, wir hatten beim Dreh einen Produktionsmanager, der war so wunderbar, so unglaublich nett, so höflich und smart – rundherum perfekt! Er war jünger als ich, aber wirklich der perfekte Mann. Ich fragte mich: „Bin ich gerade dabei, mich zu verlieben? Ich muss doch einen Film fertig drehen!“

SKIP: Und, haben Sie sich verliebt?

Claire Denis: Ach, der Dreh war ein wenig zu kurz dafür. Hätte es noch zwei Wochen länger gedauert – wer weiß, was dann passiert wäre!

 

 

Meine schöne

Fotos: pps.at, VIENNALE

Un beau soleil intérieur – Meine schöne innere Sonne

Liebesfilm. Frankreich 2017. Länge 94 Min. Regie Claire Denis. Besetzung Juliette Binoche, Xavier Beauvois, Philippe Katerine, Josiane Balasko, Alex Descas, Valeria Bruni-Tedesci, Gérard Depardieu. Kinostart Noch nicht bekannt.

Isabelle (Juliette Binoche) ist eine attraktive Frau Anfang 50 – und sucht nach Liebe. Doch bei jedem der Typen, auf die sie sich einlässt, gibt’s ein gröberes Problem. Der arrogante Banker, der eitle Schauspieler, der sensible (sprich emotional zurückgebliebene) Künstler, ihr anstrengender Ex – immer geht die Sache zu Ende, bevor sie richtig anfängt. Claire Denis erzählt eine Story über wandelnde Klischees, schmerzvolle Peinlichkeiten und die Natur der Liebe – mit einem umwerfenden Gastauftritt von Gérard Depardieu als Wahrsager.

27.10., Gartenbaukino, 20:30 Uhr
28.10., Urania, 11:00 Uhr

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