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„Mein Film ist Anti-Trump!“

Eintrag vom von Gini Brenner

Mit seiner Filmserie über große Institutionen in den USA machte der New Yorker Dokumentarfilmer Frederick Wiseman  diesmal in der wahrscheinlich wichtigsten Bibliothek des Landes halt – und stieß dort statt auf Bücherstaub auf lebendige Aktivität.

SKIP: Es ist nicht einfach, einen dreistündigen Film über eine Bibliothek zu machen, der keine Sekunde lang langweilig ist. Wie schaffen Sie das?

Frederick Wiseman: Ich versuche einfach, meine Sache so gut zu machen, wie ich kann. Jedes Mal wieder. Und ich versuche, möglichst viele Überraschungen in den Film einzubauen, damit keine Szenenfolge vorhersehbar wird.

SKIP: Wenn Sie zu drehen beginnen, wissen Sie da eigentlich schon ungefähr, wie lang der fertige Film sein wird?

Frederick Wiseman: Nein, überhaupt nicht. Bei keinem meiner Filme. Die Länge dann fest, wenn ich mit dem Schnitt fertig bin. Ich mache mir da keine Vorgaben und halte mich auch an keine. Ich finde, meine Verantwortung gegenüber den Menschen, die ich im Film zeige, ist größer als die gegenüber irgendeinem Fernsehsender. Ich zeige komplexe Themenbereiche, und es wäre schlicht unfair, sie zu simplifizieren, um den Anforderungen des Fernsehens gerecht zu werden. Klar sind da die TV-Stationen unglücklich – das öffentliche TV in den USA zeigt ja alle meine Filme, sogar im Hauptabendprogramm!

SKIP: Was war für Sie die größte Überraschung, als Sie diesen Film gedreht haben?

Frederick Wiseman: Wie groß das Kultur- und Fortbildungsangebot ist, das von dieser Bücherei ausgeht. Es gibt Kurse über Theorien zur Sklaverei im 19. Jahrhundert, über Videospiel-Programmierung für Kinder, über Buchhaltung und Steuerrecht, alle möglichen Sprachkurse. Oder ein Kurs, in dem chinesische Einwanderer lernen, wie man Computer benützt – in chinesischer Sprache. Die Schriftstellerin Toni Morrison sagt ja im Film, dass die Bibliothek die wichtigste demokratische Institution von allen ist. Und meiner Erfahrung nach ist das wahr – man sieht dort Menschen aus allen ethnischen oder sozialen Backgrounds, die das Angebot nutzen, mit Respekt behandelt werden und dazu ermuntert, Neues zu lernen.

SKIP: Das ist ein anderes Land als das, welches Präsident Trump symbolisiert.

Frederick Wiseman: Trump ist das genaue Gegenteil von dem, was mein Film zeigt. Er hasst Immigranten, er kann kaum lesen, er hat keinerlei Interesse daran, Menschen zu helfen. Er ist ein echter Darwinist, auch wenn er keine Ahnung davon hat, wer Darwin eigentlich war. Ich hatte das sicher nicht beabsichtigt, als ich zu drehen begonnen habe – aber mein Film ist tatsächlich Anti-Trump. Oder andersherum, Trump ist Anti-Ex Libris.

SKIP: Als Europäer kommt man jedenfalls mit dem Gefühl aus dem Kino, dass die USA doch noch nicht ganz verloren sind.

Frederick Wiseman: Der Film repräsentiert das Beste an den USA, Trump das Schlechteste. Aber dabei darf man nicht vergessen, dass er nicht einmal von der Mehrheit der Leute gewählt wurde. Und das Amerika, das er repräsentiert, ist ja auch keine neue Entwicklung. Schon in meiner Jugend gab’s starke rechtsextreme Gruppen – der Ku-Klux-Klan etwa war früher viel aktiver als heute.

SKIP: Würden Sie eigentlich gerne einen Film über Trump machen?

Frederick Wiseman: Wenn Sie es schaffen, mir eine Drehgenehmigung zu besorgen, dann fliege ich mit dem nächsten Flieger nach Washington und fange damit an.

 

 

Ex Libris

Fotos: Erik Madigan Heck, VIENNALE

Ex Libris – The New York Public Library

Doku. USA 2017. Länge 196 Min. Regie Frederick Wiseman. Kinostart Noch nicht bekannt.

Die New York Public Library, die im 19. Jahrhundert gegründet wurde, ist die zweitgrößte öffentliche Bibliothek der USA und die viertgrößte der Welt und wird als unabhängiges Non-Profit-Unternehmen geführt. Sie umfasst insgesamt 92 Standorte, die jährlich von 17 Millionen Menschen genutzt werden. Der 87-jährige Filmemacher Frederick Wiseman widmet der NYPL seine jüngste Doku: Seinem unverwechselbaren Stil entsprechend zeichnet er ein spannendes, unterhaltsames Bild einer Institution und ihrer vielfältigen Aktivitäten – ohne Kommentar, über drei Stunden lang, und in keiner Sekunde auch nur ansatzweise langweilig.

24.10., Gartenbaukino, 13:00 Uhr
29.10., Urania, 16:00 Uhr

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