Festivals

Die Menschenforscherin

Eintrag vom von Julia Pühringer

Valeska Grisebach hat es mit dem Filmemachen nicht eilig, dafür arbeitet sie umso genauer. In Western schickt sie deutsche Bauarbeiter nach Bulgarien und liefert eine wilde, schöne, radikale Beobachtung ab.

Es war ihr kaum mehr als einstündiger Studienabschlussfilm Mein Stern (2001) über das Leben und Lieben von Berliner Teenagern, der Valeska Grisebach mehrere Filmpreise, darunter den renommierten Adolf-Grimme-Preis, und einen fixen Platz am deutschen Kinofirmament bescherte. Bereits hier drehte sie mit Laien und erarbeitet sich ihre ganz spezielle Wahrhaftigkeit und Kompromisslosigkeit. Grisebach nimmt sich Zeit für ihre Filme, für den Werdegang jedes einzelnen Films, für Inspiration und Recherche. Erst 2006 kam ihr nächster Langfilm ins Kino, Sehnsucht: Er erzählt die Geschichte von einem glücklich verheirateten Schlosser, der sich in eine Kellnerin verliebt und darob in eine Lebenskrise gerät, die beide Frauen mit einschließt. Noch mehr Zeit nahm sie sich für ihren jüngsten Film mit dem schlichten Titel Western, der heuer beim Filmfestival in Cannes für Furore sorgte. Grisebach besann sich ihres kindlichen Fantums für das Westerngenre und brach es auf seine großen Fragen herunter – nicht umsonst hat sie auch einmal Philosophie studiert: Wie konstruiert sich Gesellschaft? Wie passt das zusammen, Freiheit und Verantwortung?

Ihren genialen Hauptdarsteller Meinhard Neumann – ein Laie, eh klar – fand sie samt Cowboyhut auf einem Pferdemarkt. Der Rest ist Kinogeschichte mit schneeweißem Pferd: Poetisch, realistisch mit einem Soundtrack zwischen Pop und Schlager, distanziert betrachtend und doch so intensiv leuchtend, dass einem beim Zuschauen fast die Luft wegbleibt.

 

Western

 Fotos: VIENNALE

Western

Drama. Deutschland/Österreich/Bulgarien 2017. Länge 116 Min. Regie Valeska Grisebach. Besetzung Meinhard Neumann, Reinhardt Wetrek, Syuleyman Alilov Letifov, Veneta Fragnova. Kinostart 3. November 2017.

Ex-Legionär Meinhard (Meinhard Neumann) ist Teil einer Gruppe von deutschen Bauarbeitern, die in Bulgarien ein Wasserkraftwerk bauen. Die örtliche Bevölkerung ist misstrauisch, und das nicht ganz zu Unrecht … In diesem Film wird geraucht wie vor 50 Jahren, ein weißes Pferd reitet durch die Wälder in flirrender Hitze. Konflikte löst man mit Körperhaltung und der Länge des Schweigens – es ist dafür nicht notwendig, dieselbe Sprache zu sprechen. Eine hochspannende Studie über Freundschaft, Anerkennung und Heimat.

29.10., Gartenbaukino, 18:00 Uhr
02.11., Urania, 11:00 Uhr

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