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Roma

Eintrag vom von Christoph Prenner

Familienaufstellung, formvollendet. Im völlig verdienten Venedig-Gewinnerfilm lässt der mexikanische Maestro Alfonso Cuarón (Gravity) sein lang gehegtes Herzensprojekt wahr werden – und seine eigene Kindheit in einem bittersüßen, bestechend bebilderten Epos aus der Sicht einer jungen Haushälterin Revue passieren.

Ein Höhenflug war das, und was für einer. Fünf Jahre ist es her, dass Alfonso Cuarón in seinem atemberaubenden All-Abenteuer Gravity Sandra Bullock und Millionen gefesselter Kinogänger rund um den Planeten in die schönsten Schwindel und schärfste Spannung bereithaltende Schwerelosigkeit schickte – um von dieser Mission selbst sieben Oscars, darunter jener für die beste Regie, reicher zurückzukommen. Ein in künstlerischer wie kommerzieller Hinsicht gigantischer Triumph, der dem mexikanischen Meisterregisseur wahrscheinlich bei jedem Filmstudio der Welt eine Carte Blanche für das nachfolgende Werk seiner Wahl eingebracht hätte. Cuarón entschied sich dafür, Freifahrtschein und Vertrauensvorschuss für ein lang gehegtes, sein bis dato persönlichstes Projekt einzukassieren – und nach all dem Wahnsinn im Weltraum nicht bloß wieder festen Boden unter den Füßen zu kriegen, sondern gleich ganz zu seinen Wurzeln zurückzukehren.

Benannt nach dem Grätzl, in dem er seine eigene Kindheit verbrachte, begleitet das autobiografisch geprägte, in den frühen Seventies spielende Drama Roma das Leben einer Mittelschichtsfamilie in Mexico City über den Zeitraum eines Jahres – aus dem Blickwinkel des treuen und scheuen Dienst- und Kindermädchens Cleo (eine echte Entdeckung: die Newcomerin Yalitza Aparicio). Betont bedächtig, nachgerade unspektakulär lässt sich das alles trotz der präzisen und prächtigen 65mm-Schwarzweiß-Bilderwelten zunächst an: Die Inszenierung folgt Cleo durch einen Alltag zwischen harter Hausarbeit und karger Freizeit, die intime Erzählung fließt organisch und elegant vor dem stets präsenten Hintergrund realer historischer Ereignisse und Einschnitte dahin. Doch letztlich sind es nicht nur abrupte Erdbeben, sondern auch für alle Beteiligten unangemeldete, unangenehme Entwicklungen, die für stärkere Erschütterungen im vermeintlichen familiären Idyll sorgen …

Bei aller ausgestellten technischen Raffinesse (diese beispiellosen Plansequenzen immer!) und hohen Filmemacherkunst, die Alfonso Cuarón ja nicht erst hier, sondern natürlich eh auch schon in eben Gravity, Children Of Men oder „seinem“ Harry Potter hinlänglich unter Beweis gestellt hat, wird man schon während des Schauens von Roma den Eindruck nicht los, dass erst diese herzensreife Hommage an die Frauen seines Aufwachsens jenes eine Werk ist, auf das seine ganze Karriere zusteuern musste. Jenes eine Werk, das auf imponierende Weise beweist, dass er auch ganz zurückhaltend zupacken kann. Ein tief in Erinnerung und Empathie getunktes, hochgradig immersives Erlebnis ist das, das einen mit Haut und Haaren in ein Leben, ein Land, eine Welt reinsaugt – um einen danach mit einem Bouquet von Szenen und Eindrücken auszuspucken, die so derart eindringlich sind, dass sie auch noch nach Tagen und Wochen, ja womöglich das ganze Leben lang, frisch und kräftig nachhallen. Ein subtil schönes und schön subtiles Epos, mit herausragendem Gespür für Atmosphäre und Ästhetik, das wirklich unbedingt in der ihm gebührenden größten Größe geschaut werden sollte – also auf einer richtig riesigen Leinwand. Wie erfreulich also, dass uns die Viennale die hierfür wohl einmalige Möglichkeit bietet und den eigentlich für Netflix produzierten Gewinnerfilm von Venedig für einige Vorführungen ins Kino bringt. Man sollte sie sich unter keinen Umständen entgehen lassen.

 

Wann & Wo?

So., 28.10., 18.00 Uhr, Gartenbaukino
Di., 30.10., 6.30 Uhr, Gartenbaukino
Mo., 05.11., 13.00 Uhr, Gartenbaukino


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>>V'18 Acht Schätze: Empfehlungen der SKIP-Redaktion

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