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Climax

Eintrag vom

Bei Gaspar Noé tut sich auf der Leinwand ja gern einmal ein Schlund der Hölle auf. Auch in seinem neuesten, in Cannes heftig umjubelten Werk bleibt der Regie-Grenzgänger (Enter The Void) in dieser Hinsicht nichts schuldig. Der Hardcore-Drogentrip, der über eine Gruppe Tänzer auf einer Party hereinbricht, berauscht auf visuell opulente Weise, während er inhaltlich keine Gefangenen macht.

Zunächst beginnt alles noch ganz harmlos. Eine Gruppe multikultureller französischer Tänzer bewirbt sich mittels Videoaufnahmen für eine Tournee. In ihren Monologen geht es um Dinge wie Patriotismus, Sex und die Liebe zum Tanzen. Dann switcht die Handlung zu einer wilden Probe/Party, in der die Truppe in eine visuell berauschend inszenierte Performance ausbricht. Im Zuge dessen werden die Protagonisten mittels peppiger Inserts einer nach dem anderen vorgestellt.

Hätte sich Regisseur Gaspar Noé (Irreversible) bloß die Aufgabe gestellt, das herausragendste, spektakulärst choreografierte, in einer einzigen Einstellung eingefangene Musikvideo der jüngeren Zeit zu drehen, dann wäre die Aufgabe bereits jetzt mit Bestnoten erfüllt gewesen. Doch Noé ist Noé – und bald stellt sich heraus, dass einer der Tänzer die Fruchtbowle mit LSD versetzt hat. Ab diesem Zeitpunkt setzt sich eine dämonische Abwärtsspirale in Gang, ein böser Trip, den der Filmemacher mittels bedrückender Korridore, beißendem roten Licht, dumpfem Dröhnen auf der Soundspur sowie verqueren subjektiven Kameraeinstellungen ohne Sinn für räumliche Orientierung ausdrückt.

Basieren soll Climax auf der angeblich wahren Geschichte einer Tanzkompanie aus den 90ern. Ob deren Erlebnisse ebenso massiv von Momenten von sexueller Freizügigkeit, Brutalität und sonstigen Grenzerfahrungen geprägt waren, darf freilich bezweifelt werden: Hier wird eine panische Schwangere in den Bauch gekickt, die bi-neugierige Selva (Sofia Boutella) wird immer wieder von potenziellen Liebhabern verfolgt, eine Reihe eifersüchtiger Männer attackiert den Schwerenöter David (Romain Guilermic). Intensiviert wird das Schauerspiel durch das stark klaustrophobische Setting: Der kollektive Freak-out spielt sich in erster Linie im Partyraum ab – all jene, die das Gebäude in eine sich außen abzeichnende Schneewüste verlassen, werden nie mehr gesehen.

Das Hauptaugenmerk liegt in diesem gnadenlosen Trip daher denn auch nicht auf der Beantwortung der Frage, ob selbigen alle Beteiligten heil überleben wird, denn vielmehr auf den Mitteln, mit denen Noé die Zuschauer genüsslich in eine Zwickmühle aus Horror und ungläubiger Faszination zieht. Die Menschlichkeit bricht hier in einem tosenden Inferno in sich zusammen, zurück bleibt ungeschöntes Elend im rasant durchgestylten Discolook.

 

Wann & Wo?

Fr., 26.10., 23.30 Uhr, Gartenbaukino
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Mi., 07.11., 20.30 Uhr, Gartenbaukino

 

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>>V'18 Acht Schätze: Empfehlungen der SKIP-Redaktion

 

Text: Susanne Gottlieb

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