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Meeting Gorbachev

Eintrag vom von Christoph Prenner

Schwurbi et Gorbi. Für seine neue, ungewöhnlich zärtliche und zurückgenommene Doku hat sich der einschlägig eigenwillige Regie-Überzeugungstäter Werner Herzog mit dem letzten Präsidenten der Sowjetunion auf einige aufschlussreiche, mitunter melancholische Kamingespräche getroffen.

Nein, damit würde er nicht durchkommen. Nicht dieses Mal. Seine ureigene Überrumpelungs-Masche aus poetischer Aufgeregtheit und pathetischer Übertreibung, mit der sich der bayrische Filmemacher Werner Herzog den Zielen seines dokumentarischen Interesses gemeinhin nähert: Sie würde hier nicht verfangen. Nicht beim 87-jährigen Michail Gorbatschow. Als der achte und letzte Präsident der Sowjetunion gleich eingangs von Herzog mit der Behauptung überrascht wird, dass der erste Deutsche, den Gorbatschow je gesehen haben soll, ihn ja angeblich gleich töten wollte, wird dem sichtlich verdutzten Interviewer höflich, aber mit Bestimmtheit entgegnet: Die ersten Deutschen in seinem Leben seien vielmehr jene lieben Leute gewesen, die ihn im nordkaukasischen Kaff seiner Kindheit aus ihrem Geschäft heraus mit süßen Herrlichkeiten versorgt hätten.

Solcherart frühzeitig in unvermutete Bahnen gelenkt nimmt die Konversation – eingefangen in insgesamt drei Sitzungen über einen Zeitraum von sechs Monaten – eine Dynamik, die sich von Herzogs Herangehensweise in Werken wie Grizzly Man oder Into The Abyss zwar nicht fundamental unterscheidet, ihr aber doch frische Facetten abringt. Mehr als sonst reiner Stichwort- und Taktgeber räumt er seinem Gegenüber große Teile des Geschehens und Gesprächs ein – und das ist auch gut so. Denn obwohl gesundheitlich sichtlich angeschlagen, hat der Mann, der die Begriffe Perestroika und Glasnost in die Geschichte der Welt brachte, erwartungsgemäß einiges zu erzählen. 

Und man lauscht ihm mit Staunen, diesem glühenden Politiker, der ganz im Gegensatz zu vielen aktuellen Vertretern seiner Zunft stets das Verbindende über das Trennende stellte. Man lauscht, wie Gorbatschow mit messerscharfem Verstand und blendender Erinnerungsgabe, mit Witz und Wehmut über den gescheiterten Versuch spricht, seine utopische Vision, die UdSSR aus der kommunistischen Tradition nach eigenen Spielregeln in eine demokratisch-marktwirtschaftliche Zukunft überzuführen. Über seine vom russischen Geheimdienst KGB mit Argusaugen beobachtete Zusammenarbeit mit den Amerikanern, über den Putsch gegen ihn, über die Katastrophe von Tschernobyl. Über die größten Erfolge, aber auch die bösesten Niederlagen und schlimmsten Verluste: das Ende des Kalten Krieges, den nicht mehr abzuwendenden Kollaps der Sowjetunion und den Tod seiner Frau Raisa, der Liebe seines Lebens.

Doch so zurückhaltend und respektvoll wie Herzog seinem Gegenüber auch die Hoheit über seinen Film überlässt, gerät er dabei dennoch in keiner Minute in den Verdacht, sich in jener Sorte unterwürfiger Hofberichterstattung zu verfangen, die sich sein Regiekollege Oliver Stone im vergangenen Jahr mit The Putin Interviews abzuliefern getraut hat. Die Zwischentöne, die sich hier aus den Kontrasten zwischen einer schließlich unmöglichen Zukunft und der tatsächlichen Gegenwart der Heimat des letztlich tragischen Helden Gorbatschow ergeben, sie schallen einem auch ohne zusätzlichen dramaturgischen Donnerhall lautstark und eindringlich genug entgegen.

 

Wann & Wo?

Di., 30.10., 18.00 Uhr, Gartenbaukino

Sa., 03.11., 16.00 Uhr, Urania

 

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