Schirm

Vor Freud, ey!

Eintrag vom von Christoph Prenner

Wer war Sigmund Freud, bevor er zum Erfinder der Psychoanalyse wurde? Dieser Frage geht nächstes Jahr die erste Serien-Zusammenarbeit von ORF und Netflix namens Freud auf den Grund. SKIP hat beim Set-Besuch in Prag Regisseur Marvin Kren über die Schulter geschaut.

„Hamma, super, danke!“ Marvin Kren nickt zufrieden – wieder eine Szene im Kasten. Während sich die österreichischen und deutschen Journalisten am Set noch angeregt darüber austauschen, ob der Regisseur mit Wurzeln in beiden Ländern denn nun auf gut wienerisch „Hamma“ oder doch eher „Hammer“ gesagt haben könnte, ist selbiger auch schon wieder weitergezogen. Es gibt schließlich noch mehr als genug zu tun an diesem Tag – dem 73. von insgesamt 86 bei den Dreharbeiten zu Freud, der ersten Serien-Kooperation von ORF und Netflix. Und obwohl die ausführenden Produzenten von Satel Film und Bavaria Fiction über das Budget lieber nicht sprechen möchten, merkt man allein schon am Ausstattungsaufwand, der hier am Drehschauplatz – den spätbarock ausladenden, patinadurchwirkten Prunkgemäuern einer ehemaligen Prager Invalidenanstalt – betrieben wurde, dass hier anständig geklotzt werden durfte.

Es gilt sie schließlich auch ästhetisch so aufsehenerregend wie möglich zu erzählen, diese in der dargereichten Form so noch nicht gekannte Historie Sigmund Freuds. Statt sich dem Erfinder der Psychoanalyse in seiner weißwucherbärtigen Spätlebens-phase anzunähern, widmet sich die Serie – laut Kren weniger als Biopic als „filmische, düstere Reise ins Unbewusste“ – nämlich lieber seiner Frühgeschichte. Jene kommt dafür durchaus ungeniert fiktionalisiert daher, schließlich ging es Kren darum, den „unfassbaren Respekt“ vor Freud „irgendwann auch mal zu verlieren. Sonst erstarrt man vor der Figur.“ Ins Wien der auslaufenden 1880er Jahre ist der junge, dem Kokain rege zusprechende Doc (Robert Finster) soeben von einer Studienreise aus Frankreich zurückgekehrt – und hat, zum Missfallen seiner renommierten Kollegen, einige für damalige Zeiten recht spinnerte Ideen mitgebracht. Hypnose, Traumweltreisen, Unterbewusstes, hochverdächtiges Zeug. Neben den beruflichen Gefechten strapaziert das Nervenkostüm des Nervenarztes aber auch eine weitreichende, leichenlastige Verschwörung, in der er sich zusammen mit einem Medium (Ella Rumpf) und einem Kieberer (Georg Friedrich) noch zusätzlich verheddert.

Dass man mit Marvin Kren (4 Blocks) und seiner unbändigbaren kreativen Energie den richtigen Mann für dieses ambitionierte, Mystery, Suspense und Sittengemälde bündelnde Genre-Mischprojekt gefunden hat, darüber sind sich am Ort des Drehens indes alle Verantwortlichen einig. Schließlich geht es bei dem für heimische Verhältnisse absolutes Neuland betretendes Prestigevorhaben auch um einiges: Wenn die insgesamt acht Folgen der ersten Staffel im Frühjahr 2020 nach ihrer Erstausstrahlung im ORF an (derzeit) weltweit über 140 Millionen Netflix-Haushalte ausgespielt werden, dann wird Freud mit einem Schlag nämlich genauso Geschichte schreiben wie sein Antiheld im Zentrum – und damit zur am weitesten verbreiteten heimischen TV-Serienproduktion aller Zeiten werden. Hammer, super, danke.

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