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Das SKIP-Venedig-Journal 2019, Eintrag 3: Von Scherzen und Schmerzen

Eintrag vom von Christoph Prenner

Man kommt mit dem Schwärmen kaum noch nach. Mit Joker, der düsteren, gesellschaftskritischen Origin Story von Batmans Erzfeind mit einem herausragenden Joaquin Phoenix in der Titelrolle, feierte gestern in Venedig erneut ein wahrlich großer Film eine heftig umjubelte Weltpremiere.

Jetzt ist schon wieder was passiert. Es hat schon was von einer erfreulichen Überforderung, so wie hier bei den Filmfestspielen von Venedig nunmehr nahezu im Tagestakt echte Jahresbestenlisten-Anwärter auf einen einprasseln. Gut, man konnte zwischendurch zumindest ein paar Stunden lang mit halbgaren True Story-Aufarbeitungen wie Roman Polanskis J’Accuse (eine inspirationsbefreite Aufarbeitung der Dreyfus-Affäre, die die Festival-Einladung des verrufenen Regisseurs alles andere als rechtfertigte) oder Benedict Andrews‘ Seberg durchschnaufen, bevor man dann am Samstag schon mal wieder aus dem Staunen nicht mehr rauskam.

 


Hätten ruhig zuhause bleiben können: Roman Polanski und sein neuester Streifen J’Accuse

 

Der Auslöser der Aufgeregtheit war ausgerechnet bei einem Beitrag zu jenem von manchen Film-Snobs gern mit Schmunzeln betrachteten Filmgenre zu finden: einer Comicstoff-Verfilmung. Zum Lachen war dann allerdings weder die Tatsache, dass Joker im so prestigeträchtigen Venedig-Wettbewerb vertreten war, noch die tatsächliche Umsetzung dieser Vorgeschichte von Batmans dauergrinsender Nemesis selbst – und das obwohl selbige mit Todd Phillips ausgerechnet ein Regisseur verantworten durfte, dessen Hollywood-Ruhm zu einem Gutteil auf gleich drei Hangover-Albereien begründet ist.

 


Zazie Beetz, Joaquin Phoenix und Joker-Regisseur Todd Phillips beim Photocall

 

Spätestens nach den achtminütigen Applausstürmen, die der gestrigen Joker-Weltpremiere gefolgt waren, konnte man sich nämlich sicher sein, dass diese beunruhigende Charakterstudie, dieser düstere Superschurkenfilm in einer Welt der knalligen Superheldenfilme, eindeutig einen Nerv getroffen hatte. Was neben der viel mehr an frühe Meisterwerke von Martin Scorsese wie Taxi Driver oder The King of Comedy denn an diverse Avengers-Abenteuer gemahnenden, ultraernsten Inszenierung speziell am entfesselt agierenden Hauptdarsteller Joaquin Phoenix lag, der dieser durch Jack Nicholson und Heath Ledger schon so schauspielstark geprägten Rolle noch einmal neue, abgründige Facetten abzuringen wusste. Von diesen bemerkenswerten Leistungen vor und hinter der Kamera wird bis weit in die Oscar-Saison hinein noch oft die Rede sein müssen.

 

Bilder: ASAC, Nico Tavernise

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