Festivals

Das SKIP-Venedig-Journal 2019, Eintrag 5: Zähne zeigen

Eintrag vom von Christoph Prenner

Finale mit Biss: Auf der Zielgeraden der Filmfestspiele von Venedig setzte die Teenager-Tragikomödie Babyteeth der Australierin Shannon Murphy – eine von leider nur zwei Frauen im Wettbewerb! – noch einmal kraftvolle Akzente.

Wenn ein Filmfestival genau gleich vielen Regisseuren, die einer Vergewaltigung bezichtigt worden sind, eine Bühne bietet wie es weibliche Filmemacher in seinem Wettbewerb antreten lässt, dann muss es sich ob der einprasselnden Kritik nicht wundern. Aber würde man als Berichterstatter mit entsprechender Schelte dieses Programmierungs-Affronts gegen die #MeToo-Bewegung das trotzige Spiel, für das die Einladungen für Roman Polanski (J’Accuse) und Nate Parker (American Skin) stehen, nicht einfach willfährig mitspielen? Wäre es stattdessen nicht wesentlich gescheiter, sich eben lieber jenen Frauen zu widmen, die sich um bis zur Verleihung am Samstag Hoffnungen auf den Goldenen Löwen machen können? Eben.

 

Also. Wo vergangene Woche bereits The Perfect Candidate, die weibliche Selbstermächtigung in der muslimischen Welt nachdrücklich einfordernde neue Arbeit der saudi-arabischen Filmemacherin Haifaa al-Mansour (die mit Das Mädchen Wadjda vor sieben Jahren ebenfalls hier in Venedig den allerersten Langspielfilm ihres Heimatlandes überhaupt vorgestellt hatte), erneut stark punkten konnte, legte Shannon Murphy (im Titelbild) gestern noch einmal tüchtig nach. Ja, man kann und darf Babyteeth – erstaunlicherweise wirklich erst der Debütfilm der Australierin, die bisher vorrangig fürs TV gedreht hat – sogar gleich mal einen ziemlich großen Wurf nennen.

 


Eliza Scanlen in Shannon Murphys Debütfilm Babyteeth.

 

Denn obwohl die Eckpunkte dieses Coming-of-Age-Dramas – schwerkrankes Teenager-Mädchen, erste Liebe (zu einem Junkie!), manch tragikomische Familienhintergrundgeschichte – im Prinzip echt keine besonders ausgefallenen sind, hinterließ der finale Film nicht nur beim Schreiber dieser Zeilen einen ziemlich bleibenden Eindruck: Ein intensives Wechselbad der Gefühle zwischen Leichtfüßigkeit und Tiefgang mit großartigem Gespür für Tempo, Dramaturgie und Charaktere. Wenn es dafür nicht den einen oder anderen Preis gibt – hierfür empfehlen sich neben der Regisseurin und dem Film an sich auch Hauptdarstellerin Eliza Scanlen (die man aus Sharp Objects noch nachhaltig in Erinnerung haben sollte) und Ben Mendelsohn in ungewohnter Daddy-Rolle stark – dann sollte sich die Jury echt selbst in Frage stellen.

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