Filminfo zu

Unter Kontrolle

Surveillance

Psychothriller. USA 2008.

Regie: Jennifer Chambers Lynch
Mit: Bill Pullman, Julia Ormond

Auf diesem Highway ist die Hölle los: Cops, die fiese Spielchen spielen, Drogen ohne Ende und jede Menge Tote. Ein grenzgenialer Wahnsinnsfilm von Davids Tochter Jennifer Lynch mit Julia Ormond und Bill Pullman.

Filmstart: 31. Juli 2008

 Die Wahrheit ist eine Illusion. Vor allem, wenn ein Highway-Massaker zig ebenso sinnlos wie brutal niedergemetzelte Tote hinterlassen hat. Die einzigen Zeugen: eine bis zur Sprachlosigkeit geschockte Achtjährige, eine Blondine, deren Pupillen über die gezogenen Kokain-Lines noch Bände sprechen und ein überlebender Cop, der ein ungutes Hobby zu verbergen hat. Hier kann nur das FBI Licht in die blutige Angelegenheit bringen – sehr zum Missfallen der örtlichen Polizei, die der Einmischung von Außen misstrauisch gegenübersteht.

Die FBI-Agenten Elizabeth Anderson (Julia Ormond) und Sam Hallaway (Bill Pullman) müssen also erst mal auf der Polizeistation im Nirgendwo den drei Zeugen ihre höchst widersprüchlichen Storys aus der Nase ziehen. Die beginnen alle relativ harmlos ein paar Stunden zuvor: die zwei gelangweilten Cops Bennett und Conrad machten sich wie gewohnt einen Spaß draus, als guter und böser Cop vermeintlichen Temposündern mit dem Finger am Abzug Todesangst einzujagen. Da kommt ihnen das rasende Outlaw-Pärchen Bobbi und Johnny nur gelegen: die beiden sind offensichtlich bis über beide Ohren auf Kokain. Die brave Patchwork-Familie auf Urlaub im nächsten Wagen ist ebenfalls ein leichtes Opfer. In dieser absurden Situation geht ein Warnhinweis schon mal unter: "Mom, ich hab was gesehen!" so die kleine Stephanie, als sie beim Überholen im Familien-Auto zwei schwarz maskierte Menschen in einem Van erblickt. Hätte man doch nur auf sie gehört. Das Naturtalent Ryan Simpkins (die Kleine war schon im Drogendrama Sherrybaby grandios) hat deshalb auch allen Zuschauern ganz altklug etwas mitzuteilen: "Kleine Kinder sollten den Film nicht sehen, weil sie wahrscheinlich zu viel Angst bekommen." Wie wahr.

Denn besagter Van lässt die Todesrate schlagartig hochschnalzen – übrig bleiben nur eine tote Familie, ein erdrückter Drogenfreund im kaputten kirschroten Sportwagen, Stephanie, Bobbi, ein toter und ein halbtoter Cop. Ihre geschönten Berichte ergeben allerdings keinen Sinn, zu sehr sind alle auf Sicherheit bedacht: Da wird aus einem Drogendeal ein Vorstellungsgespräch, aus brutalen Scherzen Nachbarschaftshilfe. Mit der Zeugeneinvernahme beginnt das Puzzlespiel also erst, das in einem blutigen Showdown gipfelt. "Lasst ihr jemals jemanden davonkommen?" so eine der Protagonistinnen. "Du liest vermutlich auch das Ende eines Buchs zuerst", antwortet einer der Killer trocken.

Regisseurin Jennifer Lynch  hat ihr Handwerk bei Papa David Lynch gelernt, der den Film der Tochter auch produzierte. Ob er beim Casting von Julia Ormond (Fräulein Smillas Gespür für Schnee) als strenge FBI-Agentin seine Finger im Spiel hatte? Bill Pullman spielte bereits den tragischen Helden in David Lynchs Lost Highway. Und genauso wie dort gilt auch für Unter Kontrolle: Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit.

Text:  Julia Pühringer

Credits

Titel Unter Kontrolle
Originaltitel Surveillance
Genre Psychothriller
Land, Jahr USA, 2008
Regie Jennifer Chambers Lynch
Drehbuch Jennifer Chambers Lynch, Kent Harper
Kamera Peter Wunstorf
Schnitt Daryl K. Davis
Musik Todd Bryanton
Produktion Kent Harper, David Michaels, David Lynch
Darsteller Bill Pullman, Julia Ormond, Ryan Simpkins, Pell James
Verleih Warner

Bewertung

Humor  
Action  
Spannung  
Anspruch  
Romantik  
Erotik  

1 Kommentar

Wie der Vater, so die Tochter

David Lynch liebt das Skurrile, das sexuell Obsessive, das Wegkratzen der strahlenden Oberfläche. "Blue Velvet", "Wild at Heart" oder "Mulholland Drive" sind beste Beispiele dafür. Tochter Jennifer hat diese Faibles vom Vater mitbekommen.

"Unter Kontrolle" fängt in klassischer Lynchmanier irgendwo in den Einöden der amerikanischen Prärie an. Verstörende Bilder eines kleinen Mädchens beim Verhör, ein Polizeirevier wie aus "Twin Peaks", degoutante in Uniformen gesteckte Hinterwäldler, die guter Cop, böser Cop spielen, ein stranges FBI-Ermittlerduo und jede Menge Sadismus.

Bald wird klarer und klarer: Es gibt Schuldige und Nichtschuldige, aber fast keine Unschuldigen. Im Zuge von Rückblenden wird klar, dass jeder der Protagonisten etwas zu verbergen versucht. Subjektive Wahrheiten klatschen gegen die Realität der Filmkamera.

Jennifer Lynch arbeitet auf sehr unterschwellige Weise. Kurze Kamerschwenks zeigen einen überfahrene Vogel, eine tote Maus oder Bilder von maskierten Serienkillern. Im Gehirn des Zusehers verfestigen sich diese Eindrücke zu einem Unwohlfühlzustand; für Thriller ein gutes mentales Milieu.

Bill Pullman spielt für meinen Geschmack ein wenig zu sehr auf Robert de Niro. Haarschnitt, Augenausdruck, Bewegungen, alles deutet auf eine Kopie des großen Vorbilds hin. Julia Ormond agiert in Smilla-Manier gewohnt unterkühlt. Erst am Ende schmilzt der Panzer.

Ein verstörender, aber hoch interessanter Film mit ordentlich viel Ecken und Kanten. Gut so!

9. August 2008
10:10 Uhr

von elvellon

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