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In die Welt

In die Welt

Dokumentation. Österreich 2008. 88 Minuten.

Regie: Constantin Wulff

Schmerzensschreie, Blut und volle Windeln. Das Wunder Mensch als tägliche Routine: Der österreichische Dokumentarfilmer Constantin Wulff beobachtet den Alltag einer Geburtsklinik.

Filmstart: 21. November 2008

Es gibt viele Plätze, denen wir übermäßig viel Bedeutung beimessen. Doch gerade der Ort, den wir vor allen anderen auf der Erde als ersten sehen, ist für kaum jemand von uns einen nachträglichen Besuch wert. Constantin Wulff hat die Wiener Semmelweis-Klinik, benannt nach dem Entdecker der Ursache des Kindbett-Fiebers und eine der traditionellsten Geburtskliniken Österreichs, zum Schauplatz seiner Dokumentation gemacht: Ein außergewöhnliches Porträt der ebenso engagierten wie routinierten Betriebsamkeit rund um das alltägliche Wunder des Lebens.

Man kann sehr viel über eine Gesellschaft lernen, meint der Regisseur, wenn man näher betrachtet, wie man mit dem Gebären umgeht. Warum etwa vergleichen wir Neugeborene immer gerne mit Aliens – obwohl das Bild des Neugeborenen im kollektiven Bewusstsein eigentlich tausende Jahre früher da war als das Konzept des Aliens? Warum ist der Akt der Geburt – an sich ja wirklich eins der selbstverständlichsten Ereignisse im Leben des Menschen – so ein verstörendes Phänomen, dass wir alles, was damit zusammenhängt, nur mit Gummihandschuhen angreifen? Die Geburt seiner eigenen Töchter in der Semmelweis-Klinik inspirierte Wullf dazu, das institutionalisierte Geschehen rund ums Auf-die-Welt-Kommen filmdokumentarisch zu verarbeiten: Mehrere Monate lang beobachtete er mit einem ganz kleinen Filmteam den Alltag auf der Geburtenstation, und destillierte dann aus insgesamt 80 Stunden Filmmaterial ein ebenso nüchtenes wie intensives Porträt einer seltsamen, fremden Welt.

Jeder von uns ist einzigartig, trotzdem kam jeder von uns mehr oder weniger auf dem selben Weg auf den Boden der Tatsachen. Dieser Weg bleibt niemandem erspart, und es ist beileibe kein leichter. Ein Frühchen im Brutkasten kämft um sein Leben, die Ärztin erklärt den Eltern mit ruhigen Worten, was da passiert. Eine Schwangere liegt beim Ultraschall, der Arzt meint jovial "wenn man so schlank ist wie Sie, sieht man das Kind besser", und er sagt das nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal. Eine Erstgebärende liegt wie ein verunfallter Käfer auf dem Rücken und brüllt mit letzter Verzweiflung nach Schmerzmitteln, der Vater in spe sieht hilflos zu und leidet fast noch mehr, bis dann die freundlich coole Hebamme das blutige Neugeborene mit einem lockeren "Willkommen!" begrüßt, etwa wie ein Wirt neue Gäste. In roten und blauen Gitterbetten werden Neugeborene durch die Gänge rangiert. Akribisch werden Geburtsverläufe dokumentiert und auf meterhohen Aktenstapeln im Archiv gelagert. Unzählige Betten werden abgezogen, desinfiziert, neu gemacht. Ein praller Bauch wird mit dem Spezialstift markiert, aufgeschnitten, zwischen Blut und Eingeweiden kommt ein kleines Gesichtchen zum Vorschein.

"Routine ist einerseits notwendig, weil sie Arbeitsabläufe vereinfacht. Andererseits ist Routine immer sehr nah am Slapstick" –  und so ist In die Welt ebenso dramatisch wie nüchtern wie umwerfend komisch. Wie das richtige Leben halt. Willkommen.

Text:  Gini Brenner

Credits

Titel In die Welt
Originaltitel In die Welt
Genre Dokumentation
Land, Jahr Österreich, 2008
Länge 88 Minuten
Regie Constantin Wulff
Drehbuch Constantin Wulff
Kamera Johannes Hammel
Schnitt Dieter Pichler
Verleih Polyfilm

Bewertung

Humor  
Action  
Spannung  
Anspruch  
Romantik  
Erotik  

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