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Jud Süß - Film ohne Gewissen

Jud Süß - Film ohne Gewissen

Biografie, Drama. Deutschland, Österreich 2010. 114 Minuten.

Regie: Oskar Roehler
Mit: Tobias Moretti, Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck

Wie weit würden Sie gehen, um Karriere zu machen? Der Schauspieler Ferdinand Marian (Tobias Moretti) ließ sich von Nazi-Propagandaminister Goebbels (Moritz Bleibtreu) einspannen - und bezahlte dafür mit persönlichem und beruflichem Niedergang.

Filmstart: 24. September 2010

Der Schauspieler Ferdinand Marian (Tobias Moretti) aus Wien hat es nach vielen Jahren des Herumtingelns auf diversen Theaterbühnen in den späten Dreißiger Jahren tatsächlich zu ein paar größeren Rollen gebracht, sogar zu einem Auftritt als Zarah Leanders Leinwand-Liebster. Da tritt einer der mächtigsten Männer des Staates an ihn heran: Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu). Der weiß ganz genau um die Macht der Populärkultur und mischt sich regelmäßig und effektiv in die Produktionen der längst unter Regierungskontrolle stehenden deutschen Filmwirtschaft ein. Nun plant Goebbels seinen cineastischen Overkill: Eine Verfilmung von Wilhelm Hauffs Geschichte um den jüdischen Berater des Herzogs von Württenberg, Joseph Süß Oppenheimer. Nicht werks-, aber linientreu. Der beste Propagandafilm aller Zeiten soll es werden - der berühmte Veit Harlan (Justus von Dohnányi) wird Regie führen, und kein anderer als Ferdinand Marian soll die Titelrolle spielen.
Marian ist geschmeichelt, aber er zaudert. Geheuer sind ihm Goebbels und sein Projekt ja nicht gerade. Aber es ist eine ganz große Chance, wie man sie nur einmal im Leben bekommt. Von der mittleren Schauspieler-Liga zum Superstar von Goebbels’ Gnaden - weiter hinauf konnte man damals gar nicht kommen. Dass es sich bei Goebbels um einen Protagonisten eines Terror-Regimes handelt, versucht Marian vor sich und vor allem vor warnenden Freunden runterzuspielen. Für Politik hat er sich eh nie wirklich interessiert, sowas steht doch der Kunst nur im Weg.
Marians Ehefrau Anna (Martina Gedeck) sieht das weniger locker: Als Jüdin spürt sie das schlimme politische Klima viel unmittelbarer als ihr abgehobener Angetrauter. Und sie macht sich auch Sorgen um seine Karriere. So ein prägnanter Part könnte ihn für immer auf ähnliche Unsympathler-Rollen festlegen. Marian jedoch hat sich längst viel zu weit in seine goldenen Träume von Ruhm und Schauspiel-Ehre hineingesteigert, er kann gar nicht mehr absagen. Und er ist überzeugt davon, dass er den üblen Bösewicht doch irgendwie als Sympathieträger würde spielen können ...
Goebbels schmutziger Plan geht voll auf: Jud Süß wird zum Kassenschlager und läuft auch beim Festival im damals faschistischen Venedig - wo übrigens ein junger Journalist namens Michelangelo Antonioni das Machwerk in den Himmel lobt. Doch schon bald darauf bricht Marians Leben auseinander. Er erkennt, auf welchen Handel mit dem Teufel er sich eingelassen hat, und sucht Trost im Alkohol und schnellem Sex. Seine Frau verlässt ihn und wird deportiert, seine Karriere zerfällt rasch zu Staub, und nach dem Kriegsende muss er schließlich zusehen, wie sich seine kaum weniger belasteten Kollegen in der Mehrzahl kaltschnäuzig von jeder Schuld reinwaschen. Nur an ihm klebt unauslöschlich das Stigma seiner Rolle, die die Chance seines Lebens hätte sein sollen ... der Vernichtungsfeldzug gegen die Juden trägt sein, Ferdinand Marians, Gesicht.

Kaum jemand heutzutage hat Jud Süß aus dem Jahr 1940, in dem ein fieser jüdischer Geschäftsmann einen vertrauensseligen Herzog in den Ruin treibt und als Draufgabe noch ein braves deutsches Mädel schändet, gesehen - Veit Harlans Propaganda-Reißer (in dem neben Marian übrigens auch die Schauspiellegenden Werner Krauß und Heinrich George tragende Rollen spielten) darf nur eingeschränkt gezeigt werden. Doch jeder, der sich nur ein bisschen mit Film beschäftigt, kennt den Titel. Jud Süß gilt heute als Paradebeispiel des üblen Propagandafilms.
Regisseur Oskar Roehler, bekannt für provokante Charakterstudien, verfilmte die Geschichte eines Mitläufers, der an seiner eigenen Arroganz und Ignoranz scheiterte, mit großer Hingabe und bemerkenswerter Besetzung: Auch in den Nebenrollen agieren Kapazunder wie Armin Rohde, Robert Stadlober, Ralf Bauer oder Gudrun Landgrebe.

Text:  Kurt Zechner

Credits

Titel Jud Süß - Film ohne Gewissen
Originaltitel Jud Süß - Film ohne Gewissen
Genre Biografie/Drama
Land, Jahr Deutschland/Österreich, 2010
Länge 114 Minuten
Regie Oskar Roehler
Drehbuch Klaus Richter
Kamera Carl-Friedrich Koschnick
Schnitt Bettina Böhler
Musik Martin Todsharow
Produktion Markus Zimmer, Franz Novotny
Darsteller Tobias Moretti, Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck, Justus von Dohnányi, Manuel Rubey, Heribert Sasse, Armin Rohde, Ralf Bauer, Robert Stadlober, Gudrun Landgrebe, Johannes Silberschneider, Elke Winkens, Doris Golpashin
Verleih Thimfilm

Bewertung

Humor  
Action  
Spannung  
Anspruch  
Romantik  
Erotik  

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