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Whores' Glory

Whores' Glory

Dokumentation. Österreich 2011. 110 Minuten.

Regie: Michael Glawogger

Alltag im Bordell: Michael Glawoggers nach Workingman's Death und Megacities dritte Bestandsaufnahme der globalen Befindlichkeit ist ein ebenso poetisches, faszinierendes und beinhartes Porträt einer Parallelwelt, die an drei verschiedenen Schauplätzen ihren ganz eigenen Gesetzen folgt und doch untrennbar mit der jeweiligen Gesellschaft verwoben ist.

Filmstart: 9. September 2011

Bangkok, Thailand. Ein paar fröhliche junge Frauen auf dem Weg zur Arbeit. Sie steigen vom Mopedtaxi, machen noch eine kurze routiniert ehrerbietige Verbeugung vor einem Straßenaltar, dann beginnt der Arbeitsalltag: In stundenlanger Prozedur werden die Mädels aufgedonnert. Glamour-Make-up, Lockenmähne, supersexy Outfits, Killer Heels. Als es Nacht wird, räkeln sie sich in aufreizenden Posen auf gläsernen Laufstegen hoch über den Gehsteigen, oder sitzen aufgereiht wie Schulmädchen in einem grell ausgeleuchteten Glaskasten. Jede mit einer Nummer, damit sich die Freier - hauptsächlich Thailänder, nur selten findet ein Ausländer in diesen Teil des Rotlichtviertels - im Halbdunkel auf der anderen Seite der Glasscheibe ganz einfach eine aussuchen können. Reichlich gelangweilt warten die Frauen, bis endlich ihre Nummer aufgerufen wird. "Job ist schließlich Job", meint eine, und stürzt sich nach getaner Arbeit selber ins Nachtleben, um stundenlang mit hübschen jungen Boys zu tanzen, zu trinken und zu flirten, die sich ebenfalls dafür bezahlen lassen.
Faridpur, Bangladesch. Eine 1,7-Millionen-Einwohner-Stadt mitten in einem nach islamistischen Gesetzen regierten Land. Prostitution ist hier zwar seit dem Jahr 2000 legal, gilt aber offiziell als Randthema - und doch gibt es hier in Faridpur, genauso wie in mehreren anderen Städten Bangladeschs, ein riesiges Bordell. Diese "Stadt der Freude" ist ein mehrstöckiger Häuserkomplex, in dem 600 bis 800 Prostituierte nicht nur arbeiten, sondern ihr ganzes Leben verbringen - samt ihren Kindern und ihren "Mamas", den Zuhälterinnen, die früher selber Huren waren. Wenn eine Frau einmal hier gelandet ist, gibt es kaum mehr ein zurück in die "normale" Gesellschaft. "Draußen ekeln sie sich vor uns, hier lieben sie uns und unsere Körper", sagt eins der Mädchen, bunt geschminkt und mit offenen Haaren, und in dem immer finsteren, quirligen Biotop entfalten sich nicht nur Tragödien und Leid, sondern auch Liebesgeschichten, Freundschaften und sowas wie ein ganz normaler Alltag. "Das ist ein Hurenviertel. Hier benehmen sich die Gebildeten gleich wie die Ungebildeten!"
Reynosa, Mexiko. Die Stadt nahe der Genze zum US-Bundesstaat Texas ist einer der Schauplätze des Drogenkriegs - und beherbergt, wie mehrere der Border Towns, eine von Mauern umgebene und mit Schranken gesicherte zona de tolerancia (Toleranzzone), noch ein globaler Euphemismus für Bordellbezirk. Hier cruisen die potentiellen - und sehr internationalen - Kunden mit dem Auto herum, und in den Türen von winzigen bunten Kabinen warten schwer tätowierte und leicht bekleidete Ladies, die sichtlich nicht auf der Nudelsuppe hierher geschwommen sind. Ihre Welt scheint sich auf den kleinen Raum zwischen den Anweisungen ihrer Zuhälter und dem nächsten Schuss zu beschränken, doch die Gedanken sind frei, auch hier, und die Seelen reisen weit. Zur Santa Muerte zum Beispiel, dem heiligen Tod. Fast alle der Damen haben dem Tod in ihren Zimmern einen kleinen Altar gebaut, wo eine Statue steht von einem Skelett mit Heiligenschein, und sich geduldig die Geschichten von bewegten Leben, verpassten Chancen und legendären Blowjobs anhört.

"Es gibt niemanden, der zur Prostitution an sich keine Meinung hat. Jeder glaubt, genau zu wissen, was Prostitution ist, auch wenn er noch nie einen Fuß in ein Bordell gesetzt hat", meint Filmemacher Michael Glawogger und zeigt in seinem filmischen Triptychon Bilder, die wir noch nicht kennen. Whores’ Glory ist eine wilde, traurige, zarte und - nicht zuletzt durch den aufregenden Soundtrack mit Songs von Tricky und P. J. Harvey - sehr persönliche Doku, die aber immer in Augenhöhe mit dem Thema bleibt, nicht verurteilt und nicht verherrlicht. Ein schönes Statement für den österreichischen Film, finden auch die internationalen Experten: Whores’ Glory wird heuer bei den Filmfestivals von Venedig und Toronto vertreten sein.

Text:  Gini Brenner, Kurt Zechner

Credits

Titel Whores' Glory
Originaltitel Whores' Glory
Genre Dokumentation
Land, Jahr Österreich, 2011
Länge 110 Minuten
Regie Michael Glawogger
Drehbuch Michael Glawogger
Kamera Wolfgang Thaler
Schnitt Monika Willi
Produktion Peter Wirthensohn, Erich Lackner, Pepe Danquart
Verleih Filmladen

Bewertung

Humor  
Action  
Spannung  
Anspruch  
Romantik  
Erotik  

2 Kommentare

DVD

Kommt von diesem Film mal eine DVD raus? Bitte um schnelle Antwort! Danke.

26. November 2011
19:28 Uhr

von all

großartiger film...

Hochachtung vor Michael Glawogger!

25. Januar 2013
16:10 Uhr

von Haubenkoch

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