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The Brussels Business

The Brussels Business - Who Runs the European Union?

Dokumentation. Belgien, Österreich 2012. 88 Minuten.

Regie: Friedrich Moser, Matthieu Lietaert

Barroso, das Parlament oder Merkozy? Wer schafft eigentlich an in der EU? Dieser Doku-Thriller zeigt die EU-Entscheidungsträger als Teil eines ebenso eingeschworenen wie öffentlichkeitsscheuen Netzwerks aus Lobbyisten und einflussreichen Interessensvertretungen.

Filmstart: 16. März 2012

Zur EU hat jeder eine Meinung. Das ist entweder dieser Wasserkopf mit Sitz in Brüssel, der darüber bestimmt, wie schief Gurken sein dürfen, uns Konfitüre statt Marmelade aufs Brot schmieren wollte und überhaupt mit immer neuen Richtlinien beweist, wie man am Bürger vorbeiregiert. Für andere ist der europäische Staatenbund ein zukunftsweisendes Symbol für den Willen, Gemeinsames über Trennendes zu stellen, Frieden und Stabilität zu sichern - zwar längst nicht vollkommen, aber letztlich alternativlos. Wie sich an der allgemeinen Politikverdrossenheit und speziell an der zurückhaltendenden Beteiligung bei Europawahlen leicht ablesen lässt, sind Brüssel und die große Masse an EU-Bürgern aber durch weit mehr als die Geographie getrennt. Glühende Befürworter und unverbesserliche EU-Gegner sind die Ausnahme - die meisten der rund 500 Millionen Einwohner sehen in der Europäischen Union doch nichts anderes als das Wetter: Man muss beides nehmen, wie es ist. Und wenn es einem nicht passt, dann hat man zumindest etwas, worüber man schimpfen kann. Angenehmer Nebeneffekt dieser bürgerlichen Wurschtigkeit: Die Entscheidungsträger können weitgehend unbehelligt von funktionierenden Kontrollmechanismen die Europäische Union formen, wie es denen zusagt, die am vehementesten auftreten. Nicht zufällig sind in Brüssel, wo 80% der Entscheidungen fallen, die die EU-Bürger direkt betreffen, rund 15.000 Lobbyisten am Werk - was der belgischen Kleinstadt nach der berüchtigten Washingtoner K Street das zweitgrößte Lobbyisten-Aufkommen der Welt beschert. Und in diese Grauzone aus legitimer Interessenvertretung und schamloser Einflussnahme taucht dieser sorgfältig recherchierte, aufschlussreiche Doku-Thriller ein: entblößt Klimawandel-Think Tanks als von der Öl-Industrie gesponserte Augenauswischerei und Fake-NGOs, mit denen in Wirklichkeit Microsoft Stimmung machen will; zeigt, wie die Initiative für ein wirksames Transparenzgesetz auf europäischer Ebene an der Realpolitik scheitert; fragt, wie es um die Unabhängigkeit eines von Barroso anlässlich der Finanzkrise eingesetzten Weisenrates zur Regulierung der Finanzmärkte bestellt ist, in dem ausschließlich Abgesandte von US-Großbanken, deren Spekulationen die Krise überhaupt erst ausgelöst hatten, und deregulierungsfreudige Finanzlobbyisten zu finden sind (Dementsprechend wenig überraschend die Reaktion auf die Krise: Bankenrettung mit Steuergeld); und rückt vor allem den European Roundtable of Industrialists (ERT) ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die seit Mitte der Achtziger Jahre vielleicht am erfolgreichsten agierende Interessenvertretung überhaupt: Zusammengesetzt aus über 40 CEOs von Multis wie Nestlé, Nokia, Philips oder Volvo, nimmt der exklusive Club ungehemmt und bei näherer Betrachtung nicht einmal sonderlich diskret Einfluss auf die EU-Kommission und die von ihr eingebrachten Anträge. Die Sicht des Lobbyisten wird im Film übrigens vertreten von Pascal Kerneis von der mächtigen Lobbying-Firma European Services Forum, die sich über ihre illustre Kundschaft für rund die Hälfte der Wirtschaftsleistung der EU verantwortlich sieht. Er versteht sich als legitime, unverzichtbare Schaltstelle zwischen Interessengruppen und Entscheidungsträgern, das Lobbying keineswegs als schmutziges oder gar verwerfliches Geschäft. Ob diese Sichtweise angesichts nicht von der Hand zu weisender Belege für übelste Einflussnahme des Big Business auf die Politik allerdings glaubwürdig und haltbar ist, davon sollte sich jeder selber überzeugen.

Text:  Dina Maestrelli

Credits

Titel The Brussels Business
Originaltitel The Brussels Business - Who Runs the European Union?
Genre Dokumentation
Land, Jahr Belgien/Österreich, 2012
Länge 88 Minuten
Regie Friedrich Moser, Matthieu Lietaert
Drehbuch Matthieu Lietaert, Friedrich Moser
Kamera Friedrich Moser
Schnitt Jesper Osmund, Friedrich Moser, Michaela Müllner
Musik Johannes Rothenaicher
Produktion Steven Dhoedt, Friedrich Moser
Verleih Thimfilm

Bewertung

Humor  
Action  
Spannung  
Anspruch  
Romantik  
Erotik  

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