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Höhere Gewalt

Force Majeure / Turist

Drama. Dänemark, Frankreich, Norwegen, Schweden 2014. 118 Minuten.

Regie: Ruben Östlund
Mit: Johannes Kuhnke, Lisa Loven Kongsli

Ein Familien-Schiurlaub in den französischen Alpen sorgt für nachhaltige Irrationen, als vor einem möglichen Lawinenabgang der Familienvater sich selbst in Sicherheit bringt anstatt seine Kinder ...

Filmstart: 23. Januar 2015

Seasons in the Snow. Ein einwöchiger Deluxe-Ski-Urlaub in den Alpen, ein wenig lässig im Schnee wedeln: An nichts soll es mangeln, man gönnt sich ja sonst wenig. So haben es sich Tomas (Johannes Kuhnke) und Ebba (Lisa Loven Kongsli), die sich mit ihren Kindern Vera und Harry aus Schweden in das französische Edel-Ressort Les Arcs aufgemacht haben, zumindest ausgemalt. Die intentierte Idylle wird jedoch bald aus den Angeln gehoben: Als inmitten eines familiären Mittagessens auf einer Terrasse mit pittoreskem Ausblick am Hang gegenüber eine kontrollierte Lawinensprengung erfolgt und diese augenscheinlich aus den Fugen zu geraten droht, macht sich rapide Panik breit - am allerschlimmsten anscheinend bei Tomas, der impulsartig dem Schauplatz entflieht und seine Familie ganz allein in einer schweren Schneewolke, die sich letzten Endes aber als völlig harmlos erweisen wird, zurücklässt. Die richtige Katastrophe mag ausgeblieben sein, das Nachbeben emotionaler Natur ist aber nichtsdestominder ein gravierendes. Schließlich hat das egoistische väterliche Verhalten die Grundfesten des Familienverbands nachhaltig erschüttert, unumkehrbar einen tiefgreifenden Vertrauensbruch im Raum stehen lassen, der für die nach und nach immer angefressen werdende Ebba umso schwerer wiegt, je vehementer es Tomas von sich weist, überhaupt einen Fehler begangen zu haben ...

Szenen einer Ehe. Verdientermaßen war Höhere Gewalt eine der wichtigen Entdeckungen des heurigen Cannes-Aufgebots sowie auch der vielumjubelte Abschlussfilm der Viennale 2014: Wie in den konzisesten Dramen seines großen Landsmannes Ingmar Bergman seziert der Schwede Ruben Östlund (Play) mit formaler Strenge und klarem Blick, aber auch mit mitunter beißendem Humor (für den vornehmlich der umwerfend komische Rotbart Kristofer Hivju aus Game of Thrones als Freund der Familie zuständig ist) kleine wie große Lügen und Missverständnisse des modernen Paaralltags. Wenn man so möchte darf man diese vielschichtige Farce als eine Art Gone Girl ohne den aufgesetzten Krimi-Plot betrachten, als reine, bildmächtige und bitterböse Abfahrt in die Abgründe des Zwischenmenschlichen.

Text:  Christoph Prenner

Credits

Titel Höhere Gewalt
Originaltitel Force Majeure / Turist
Genre Drama
Land, Jahr Dänemark/Frankreich/Norwegen/Schweden, 2014
Länge 118 Minuten
Regie Ruben Östlund
Drehbuch Ruben Östlund
Kamera Fredrik Wenzel
Schnitt Jacob Secher Schulsinger
Musik Ola Fløttum
Produktion Erik Hemmendorff, Marie Kjellson
Darsteller Johannes Kuhnke, Lisa Loven Kongsli, Brady Corbet, Clara Wettergren, Vincent Wettergren, Kristofer Hivju, Fanni Metelius
Verleih Filmladen

Bewertung

Humor  
Action  
Spannung  
Anspruch  
Romantik  
Erotik  

2 Kommentare

Interessant!

Wer sich nicht davon abschrecken lässt, dass hier viel geredet wird, aber manchmal auch nur die Bildsprache zu Wort kommt, sollte sich den Film nicht entgehen lassen. Alleine schon, weil man dann seinen Partner nerven kann: Und Schatz, was hättest du gemacht?

16. Januar 2015
08:46 Uhr

von Haubenkoch

Menschliches Verhalten, seziert

Schwedens Filme zeichnen sich vorallem durch eine messerscharfe Beobachtungsgabe und ungewöhnlicher, intelligenter Themen aus. Die raffinierte Psychostudie über menschliches Verhalten und dessen gesellschaftlicher Akzeptanz ist etwas ganz was Ausgefallenes. Ein ungewöhnliches, lakonisches, durchdringendes Machwerk, welches festgefahrene Rollenbilder innerhalb der Familie bis ins Knochenmark seziert und hinterfragt. In schweren, dramatischen Bildern und klassischer Musik, welche die "Höhere Gewalt" in uns, zwischen uns und um uns zu verkörpern versteht, entlarvt die Psychostudie minutiös und treffsicher die gesellschaftliche Existenz als eine Erfüllung äußerer Ertwartungshaltungen und regt mit erfrischenden Gedankengängen noch lange nach dem Film das eigene Hirn an. Wie würde ich reagieren? Und ist der denkende Mensch ein mediales Abziehbild, der seinen Urinstinkten nicht mehr folgen darf? Intellektuelles Kino, ein innovativer Genuß.

19. Mai 2015
09:56 Uhr

von filmgenuss

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