Filminfo zu

Son of Saul

Saul fia

Drama. Ungarn 2015. 107 Minuten.

Regie: László Nemes
Mit: Sándor Zsótér, Urs Rechn

Lebt und arbeitet in … der Hölle. Die soeben zu Recht mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film belohnte Debütarbeit des Ungarn László Nemes führt aus der streng subjektiven, so im Kino noch nie gezeigten Sicht eines „besonderen“ Gefangenen durch das Grauen des KZ-Alltags.

Filmstart: 18. März 2016

Dead Man Working. Es mag flüchtig betrachtet ein vergleichsweises Privileg sein, in echt ist es eine kaum auszuhaltende Bürde: Der ungarische Jude Saul Ausländer (stoisch: Géza Röhrig) ist im KZ Auschwitz in einem Sonderkommando gelandet – was ihm zwar das unmittelbare Überleben sichert, ihn aber auch zum Teil der Nazi-Vernichtungsmaschinerie macht. Tagein, tagaus muss er fürchterlichste Dinge verrichten; er treibt Gefangene in den Höfen zusammen, führt sie in die Gaskammern, säubert hernach die Böden vom Blut, bringt die Leichen in die Krematorien und schaufelt schließlich die Asche in den Fluss. Es ist ein Pakt mit dem Teufel, den Saul da eingehen musste: Zum Zweck des eigenen Weiterlebens Leute seines Volks in den Tod zu schicken – wohl wissend, dass ihn das gleiche Schicksal demnächst selbst ereilen wird. Als er nach einer weiteren Vergasung jedoch in einem unerwartet überlebt habenden Jungen (der danach aber per Giftinjektion getötet wird) seinen Sohn zu erkennen glaubt, setzt er es sich in den Kopf, ihm eine angemessene jüdische Bestattung zukommen zu lassen. Es ist dies eine im Lager nur unter größter Gefahr umsetzbare, ja, irrsinnige Idee, die es erfordert, Autopsie wie Einäscherung zu verhindern sowie auch noch einen Rabbi aufzustellen, der das Kaddisch sprechen soll. Stellt der von seiner Mission nun absolut eingenommene Saul damit die Interessen der Toten gar über jene der noch Lebenden?

Shoah, subjektiv. Da mag man viele markerschütternde cineastische Holocaust-Aufarbeitungen gesehen haben und mit Schindlers Liste auch die womöglich dahingehend ultimative, doch so tief und gnadenlos in das Lagerleben eintauchen wie Son Of Saul ließ einen bislang kein Werk. Dies gelingt dem eben erst als bester fremdsprachiger Film mit einem Oscar belohnten Langfilmdebüt (!) des Ungarn László Nemes (zuvor gab es u. a. schon den Großen Preis der Jury in Cannes) durch einen einfachen, effektiven Kunstgriff: Die Kamera bleibt im klaustrophobischen 4:3-Format die gesamte Laufzeit auf einem einzigen Protagonisten fokussiert und fängt dessen Entsetzen (sowie dessen Entschlossenheit) total ungefiltert ein, während das sonstige unbeschreibliche Geschehen in der Unschärfe des Hintergrunds vonstatten geht. Obwohl man das Grauen nicht unbedingt sieht, sickert es so über das rein Gehörte (Schreie, Schüsse etc.) nach und nach ins Bewusstsein des Schauers ein, von wo es auch so schnell nicht mehr verschwindet. Eine essentielle Zumutung, eine notwendige Verstörung, ein wuchtig-wichtiger Film.

Credits

Titel Son of Saul
Originaltitel Saul fia
Genre Drama
Land, Jahr Ungarn, 2015
Länge 107 Minuten
Regie László Nemes
Drehbuch László Nemes, Clara Royer
Kamera Mátyás Erdély
Schnitt Matthieu Taponier
Musik László Melis
Produktion Gábor Sipos, Gábor Rajna
Darsteller Sándor Zsótér, Urs Rechn, Géza Röhrig, Levente Molnár, Todd Charmont, Marcin Czarnik, Jerzy Walczak, Uwe Lauer, Christian Harting
Verleih Thimfilm

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