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Ich und Kaminski

Ich und Kaminski

Literaturverfilmung. Belgien, Deutschland 2015. 118 Minuten.

Regie: Wolfgang Becker (II)
Mit: Daniel Brühl, Jesper Christensen

Der kleine Mann und die große Kunst: Daniel Kehlmanns fulminanter Durchbruchsroman von 2003 kommt endlich auf die Leinwand – mit Daniel Brühl als eitlem Schreiberling und Jesper Christensen als alterndem Malerstar.

Filmstart: 25. September 2015

Ich, ich, ich. Genaugenommen ist schon der Titel eine Frechheit. „Kaminski und ich“ müsste es heißen, höflichkeitshalber, aber das würde nicht passen. Denn Sebastian Zöllner (Daniel Brühl), aus dessen Sicht dieser Film erzählt ist, ist nicht nur irgendein Jungjournalist, sondern der egozentrischste aller versoffenen Möchtegern-Kunstkritiker, ein Mittelpunktmensch – ob in der Affäre mit der älteren Elke (Jördis Triebel), bei der er Nutznießer ihrer kulturellen und sozialen ebenso wie finanziellen Infrastruktur ist, oder beim Interview mit dem steinalten Großkünstler Manuel Kaminski (Jesper Christensen). Zöllner will die einzig gültige, wahre Biografie über Kaminski schreiben und braucht dafür exklusive O-Töne, egal wie gebrechlich der Künstler ist, egal, was seine Tochter Miriam (Amira Casar) dagegen einzuwenden hat. Also reist Sebastian Zöllner in das winzige Schweizer Bergdorf, in dem der mysteriöse Kaminski zurückgezogen lebt und rückt dem gebrechlichen Maler auf den Pelz.

Natürlich verkauft sich eine einzig wahre Biografie erst so richtig, wenn der Mensch im Zentrum gestorben ist. Also ist Zöllner nicht unbedingt daran interessiert, dass Kaminski noch lange lebt. Zuvor muss er allerdings dem Geheimnis des Künstlers auf die Spur kommen, der mit Leuten wie Picasso, Warhol und Rauschenberg zusammentraf: Kaminski wurde in den Fünfzigern berühmt als der Maler ohne Augenlicht, als Könner, der kraftvolle Kunst auf die Leinwand brachte – angeblich, ohne sehen zu können.

Picasso oder Pinocchio. Doch ist Kaminski wirklich blind? Oder war er immer ein Scharlatan mit Geltungssucht, der eigentlich nur die Ablehnung einer ganz bestimmten Frau (Geraldine Chaplin) nicht ertragen hatte? Und ist es womöglich genau dieser Aspekt, in dem  Manuel Kaminski und Sebastian Zöllner einander so ähnlich sind?

Die grenzenlose Arroganz des Jungen, die ebenso überwältigende Eitelkeit des Alten, geschliffen in Worte verpackt von Daniel Kehlmann und ungewöhnlich in Szene gesetzt von Wolfgang Becker: Ich und Kaminski ist ein gewitztes, hochkomplexes Schauvergnügen (mit Karl Markovics in einer verrückten Doppelrolle), das nicht nur Kunstkennern diebischen Spaß bereitet. 

Text:  Magdalena Miedl

Credits

Titel Ich und Kaminski
Originaltitel Ich und Kaminski
Genre Literaturverfilmung
Land, Jahr Belgien/Deutschland, 2015
Länge 118 Minuten
Regie Wolfgang Becker (II)
Kamera Jürgen Jürges
Schnitt Peter R. Adam
Produktion Stefan Arndt, Uwe Schott, Franz Esterházy
Darsteller Daniel Brühl, Jesper Christensen, Amira Casar, Geraldine Chaplin, Denis Lavant, Karl Markovics, Josef Hader, Michael Fuith
Verleih Filmladen

Bewertung

Humor  
Action  
Spannung  
Anspruch  
Romantik  
Erotik  

1 Kommentar

Legende auf Lebenszeit

Die deutsche Künstlerkomödie rund um Schein, Sein und Personenkult ist gewitzt, gut gespielt und sogar etwas wehmütig - ganz so radikal und bissig wie erhofft ist sie jedoch nicht, bietet das Thema doch jede Menge Platz, um mit der Künstlerszene gehörig aufzuräumen. Die Frage, was Ruhm und Anerkennung innerhalb einer Branche, die unentwegt mit Scharlatanerie, Aufgeblasenheit und falschen Fassaden kokettiert, ausmacht, stellt sich schon in Inarritu´s "Birdman" - und lässt hier wie dort die zu erwartende Schelte in seinem verdienten Ausmaß vermissen. Die Verfilmung des Daniel Kehlmann-Romans ist aber auch ein pseudobiografisches Drama über Selbstinszenierung und Vergessen, über wahre Werte und Schauwerte. Aus dieser Sicht scheint die Geschichte besser zu funktionieren als eine wie in den Medien angekündigte Künstlersatire.

20. Januar 2016
09:11 Uhr

von filmgenuss

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