Filminfo zu

Erbsen auf halb 6

Erbsen auf halb 6

Liebesfilm. Deutschland 2003. 111 Minuten.

Regie: Lars Büchel
Mit: Fritzi Haberlandt, Hilmir Snaer Gudnason, Tina Engel

Man muss nicht sehen, um lieben zu können: Lars Büchels tragikomisches Roadmovie, eine Love Story von seltener emotionaler Intensität, in der zwei Menschen mit vereinten Kräften einen Neuanfang schaffen.

Filmstart: 27. August 2004

Was ist eigentlich Liebe? Ist es etwas, das wir sehen können? Oder geht es darum, wie sich der geliebte Mensch anfühlt, was seine Berührungen in einem auslösen, wie er riecht, die gewissen Schwingungen in seiner Stimme? Sehen mag uns überaus wichtig erscheinen. Aber die Liebe kann man nicht sehen - nur fühlen.
Es ist ein schicksalshafter Tag im Leben von Jakob Magnuson (Hilmir Snær Gudnason): Gerade war der erfolgreiche Theaterregisseur noch sorglos durch die Gegend gekurvt, ganz verloren in Gedanken an seine nächste Inszenierung, und im nächsten Moment kracht sein Wagen in den Abgrund. Als er im Krankenhaus wieder zu sich kommt, ist nichts mehr so wie vorher. Jakob hat den Unfall zwar überlebt, aber er hat dabei sein Augenlicht eingebüßt.
Keine Frage, dass das eine harte Probe ist: Jakob stößt gegen geschlossene Türen, spricht mit Leuten, die schon längst weitergegangen sind, und schließlich verliert er auch noch seinen Job. Er hat Angst - manchmal sosehr, dass er nur noch schreien kann. Der plötzlichen Dunkelheit ist er nicht gewachsen. Noch nicht.
Aber es gibt jemandem, der ihm zeigen wird, dass das Leben nicht nur weitergeht - sondern dass man als Blinder sehr gut zurecht kommen und sogar völlig neue Perspektiven entdecken kann. Man muss es nur lernen - der Rest ist Einstellungssache. Lilly (Fritzi Haberlandt) ist von Geburt an blind und bringt als Therapeutin Erblindeten bei, sich in der Welt ohne Bilder zurechtzufinden. Niemand behauptet, dass das einfach ist. Vor allem, wenn man wie Jakob gar nichts lernen will. Lilly hats nicht leicht mit ihm. Zuerst lässt er sich vom Selbstmitleid übermannen und will sich in einen Abgrund stürzen - der zum Glück nicht tief genug ist. Aber dann spricht er mit seiner Mutter, die in Russland wohnt, in der Nähe von Onega. Sie will, dass er sie besuchen kommt. Das ist genau so ein Ziel, wie es in seinem neuen Leben in der Dunkelheit gefehlt hat. Natürlich kann er die Reise unmöglich alleine schaffen. Aber er hat ja Lilly. Sie kennt den Ausweg, wenn ein Kornfeld zum Irrgarten geworden ist. Sie zeigt ihm, wie man auf einem Teller die Erbsen findet, wenn sie auf halb sechs liegen. Und sie wird mit ihm reisen.
Während die beiden mit dem Zug, auf Schiffen, zu Fuß, hinten auf einem Pritschenwagen und in Bussen quer durch Europa in Richtung Russland vordringen, kommen sich die beiden unweigerlich immer näher. Ihre zarten, flüchtigen Berührungen sind längst mehr als nötige Hilfestellungen. Lilly bringt Jakob immer mehr bei. Zum Beispiel, wie er seine Sachen packen muss, um später alles wiederzufinden. Oder wie die Welt Gestalt annimmt, wenn der Regen niederprasselt. Und auch Jakob beginnt zu erzählen - aus seinem früheren Leben, als er noch sehen konnte, von den Farben und den Bildern, aber auch davon, dass seine Mutter sterbenskrank und Eile geboten ist. Dass die beiden sich lieben, ist längst unverkennbar - nicht nur für den Zuschauer. Aber dann taucht Lillys fürsorgliche Mutter Regine (Tina Engel) auf. Sie meint, dass Blinde solche langen Reisen nicht allein unternehmen können. Kinder können sie auch nicht zusammen kriegen. Und noch ein Problem steht an - es heißt Paul (Harald Schrott), ist Lillys Verlobter, und Regine hat ihn mitgebracht …
Nach seiner schrägen Seniorinnen-Gaunerkomödie Jetzt oder nie - Zeit ist Geld bringt Lars Büchel nun ein genauso romantisches wie abenteuerliches Road-Movie auf die Leinwand. Der Titel des Films bezieht sich auf die unter Blinden übliche Technik, Essen auf dem Teller im Uhrzeigersinn zu lokalisieren: Skurril, humorvoll und in ungewöhnlichen Bildern erzählt Erbsen auf halb 6 von zwei Menschen, die sich nicht sehen können, deren Liebe auf den ersten Blick keine Chance zu haben scheint und sich dann ganz anders erfüllt als erwartet. Dem Regisseur ging es schlicht um jene Dinge, die im Kino schon immer das größte Qualitätsmerkmal waren: „Es geht um Emotionen. Ich will berührt werden und berühren, und ich glaube daran, dass das Publikum mit eigenwilligen Geschichten verzaubert werden möchte. Deshalb glaube ich auch, dass wir es hier mit einem Märchen zu tun haben. Einem Märchen mit glücklichem Ausgang.“

Text:  Klaus Hübner

Credits

Titel Erbsen auf halb 6
Originaltitel Erbsen auf halb 6
Genre Liebesfilm
Land, Jahr Deutschland, 2003
Länge 111 Minuten
Regie Lars Büchel
Drehbuch Ruth Thoma, Lars Büchel
Kamera Judith Kaufmann
Schnitt Peter R. Adam
Musik Max Berghaus, Dirk Reichhardt, Stefan Hansen
Produktion Til Schweiger, Hanno Huth, Ralf Zimmermann
Darsteller Fritzi Haberlandt, Hilmir Snaer Gudnason, Tina Engel, Jenny Gröllmann, Harald Schrott
Verleih Constantin Film

Bewertung

Humor  
Action  
Spannung  
Anspruch  
Romantik  
Erotik  

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.