Nackte Gefühle

Interview mit Magdalena KronschlägerAnna Rot zu Tag und Nacht

Dass Prostitution zur Finanzierung des Studiums ein Boom in ganz Europa ist, wissen Magdalena Kronschläger und Anna Rot aus Büchern und Magazinen. Nun spielen sie in Tag und Nacht ihre ersten Hauptrollen: als Huren mit Matrikelnummer. SKIP traf die beiden im Wiener Museumsquartier, um über Entstehung, Hintergründe und Nacktheit vor der Kamera zu plaudern.

SKIP: Als ihr das erste Mal das Drehbuch gelesen habt, wie waren da die unmittelbaren Reaktionen?

Anna: Arg. Also … eine sehr arge Geschichte, hab ich mir zuerst gedacht. Hat mich gleich sehr interessiert, das zu machen.

Magdalena: Ich hab mich vor ungefähr eineinhalb Jahren mit Sabine Derflinger getroffen, um dieses Thema zu besprechen - Studentinnen, die diesen Beruf machen. Das war dann ein sehr langes Gespräch, weil uns beiden sehr viel zu diesem Thema eingefallen ist. Statt zehn Minuten hat es zwei Stunden gedauert.

SKIP: Hattet ihr hinsichtlich eurer Karriere nie Bedenken, diesen Film zu machen?

Magdalena: Ich hab mir diese Frage eigentlich nie gestellt.

Anna: Ich finde einfach die Geschichte toll. Und die Nacktheit war nicht etwas, das ich wegen dem Film in Kauf nehmen musste - das ist ein wesentlicher Bestandteil, ich hätte die Lea ohne diese Szenen gar nicht so spielen können.

SKIP: Wie waren die Vorbereitungsarbeiten?

Magdalena: Die waren sehr intensiv.

Anna: Vor allem viele, viele Gespräche … hauptsächlich mit Sabine. Wir haben aber auch alle Darsteller vorher kennengelernt, auch die, die nur eine kurze Freierszene hatten. Das war sehr angenehm. Ja, und dann halt Recherche im Milieu. Wir waren in einem Puff am Gürtel, haben mit einer Domina im Studio in der Kaiserstraße einen Nachmittag verbracht, ich war auch noch in der Erotikakademie in Berlin. Da haben wir viele neue, interessante Sachen gelernt.

Magdalena: Erfahren.

Anna: Ja, erfahren.

SKIP: Wird die Distanz zu diesem Milieu eher geringer, wenn man es so aus der Nähe betrachtet, oder wird die Befremdung größer?

Anna: Es ist auf jeden Fall anders, als man es sich vorstellt. Ich hatte so ein verruchtes, glamouröses Image vom Rotmilieu im Kopf, aber das stimmt nicht. Das ist nicht so. Es ist auch ganz hart und banal und komisch und trocken und absurd. Ich hab durch das Annähern an diese Welt gemerkt, wie weit ich selbst persönlich davon entfernt bin, innerlich.

SKIP: Es werden die Barrieren, so etwas auch einmal selbst zu versuchen, durch die intensive Beschäftigung damit also nicht abgebaut?

Magdalena: Nein.

Anna: Nein, bestimmt nicht.

Magdalena: Es hat mich auch eindeutig noch weiter davon entfernt, als ich eh schon war.

SKIP: Wie schauts eigentlich wirklich aus mit den Verdienstmöglichkeiten als Prostituierte?

Anna: Preise, die realistisch sind, hat man alle im Vorfeld recherchiert. Das sind so zwischen 20 …

Magdalena: … und 120 in der Stunde?

Anna: 120 ist aber gut bezahlt. Davon gehen 50 an den Zuhälter?

Magdalena: Ja.

Anna: Aber ich wohn im Stuwerviertel, und ich weiß, dass die Frauen dort für 40 Euro ins Auto einsteigen. Und das ist noch nicht das niedrigste.

Magdalena: Bei den Frauen, die wirklich viel Geld verdienen, haben wir aber auch beobachtet, dass sie das Geld immer gleich wieder ausgeben. Weil sie irgendwie keinen Grund haben, es zu sparen. Also geben die das ganz schnell wieder aus. Falls sie nicht eh eine Familie haben, an die sie es weiterleiten.

SKIP: Wie häufig ist das eigentlich unter Studentinnen?

Anna: Relativ häufig, glaube ich. Die Zahlen für Österreich weiß ich nicht, aber in Frankreich gibt es so an die 40.000 Studentinnen, die das machen. Da sind die Studien auch teurer.

SKIP: Hat sich die Studentinnen-Prostitution bei euren Recherchen als Wachstumsmarkt entpuppt?

Magdalena: Ja, auf jeden Fall.

Anna: Es kommen immer mehr Bücher von Studentinnen auf den Markt, die über ihr Leben als Prostituierte schreiben, in ganz Europa. So wie Fucking Berlin. Davon gibts jetzt auch noch eine Fortsetzung. Ich habe da fünf, sechs Bücher gelesen, eins schlechter als das andere. Im Stern war auch ein großer Artikel, dass es da einen Boom gibt. Weil das Studium für immer weniger Leute leistbar wird.

SKIP: Sind euch persönlich solche Fälle von studentischer Prostitution an der Schauspielschule aufgefallen?

Anna: Nein. Mit den Leuten aus der Schauspielklasse ist man sehr eng zusammen, verbringt viel intensive Zeit miteinander, und da hätte man das erfahren.

Magdalena: Mir ist auch nichts aufgefallen.

SKIP: Reden wir über die Dreharbeiten. Nackt drehen war für euch beide das erste Mal. Gab es da Befangenheit?

Anna: Es ist natürlich eine Überwindung, sich auszuziehen. Aber wir haben uns ja alle schon sehr gut gekannt. Am Set herrschte auch immer größtmögliche Diskretion. Und man ist auch nie alleine nackt. Da kann man das leicht mit Humor nehmen.

SKIP: Und man gewöhnt sich daran.

Magdalena: Das würde ich nicht ganz so sehen. Es wird auf jeden Fall leichter, je öfter man es macht, aber es bleibt immer eine Überwindung. Aber die Leute sind bei den Dreharbeiten immer sehr respektvoll miteinander umgegangen. Es war nie unangenehm.

Interview: Klaus Hübner / September 2010

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