Original Burlesque

Interview mit Mathieu Amalric zu Tournée

"Es ist keine Kunst, nackt zu sein, wenn man aussieht wie Dita von Teese!“, sagt VIENNALE-Gast Mathieu Amalric und präsentiert in seinem hinreißenden Roadmovie Tournée die wahren Artistinnen der Burlesque. Süße Konsequenz: der Regiepreis in Cannes.

SKIP: Wie und wo haben Sie Ihre wunderbaren Hauptdarstellerinnen entdeckt?

Mathieu Amalric: Ich lernte Varieté-Künstlerinnen von New Burlesque durch Zufall kennen, und war total hingerissen von ihrem Humor, ihrer Großzügigkeit, ihrem Talent, ihrer Ausstrahlung und ihrem Mut, so aufzutreten, wie sie sind, nämlich keine perfekten Schönheiten nach der gängigen Norm. Dafür aber unendlich sexy. Wie krank unsere heutige Gesellschaft ist, sieht man schon daran, dass von uns allen erwartet wird, perfekte Körper zu haben. Uns nach retouchierten, sogenannten Schönheitsidealen zu richten, die es in der Realität gar nicht gibt.

SKIP: Die berühmtesten Vertreterinnen des Burlesque-Revivals wie Dita von Teese entsprechen ja ebenfalls diesem genormten Frauenbild.

Mathieu Amalric: Ich weiß, ich weiß!! Wie schrecklich!!! Es ist vorbei! Irgendwelche Las Vegas-Tänzerinnen, die vom Schönheitschirurgen zurechtgeschnitten worden sind, nennen sich frech "Burlesque“. Dabei geht das völlig an der Sache vorbei. Es ist keine Kunst, nackt zu sein, wenn man aussieht wie Dita von Teese.

SKIP: Tournée ist eine faszinierende Mischung aus Independent-Film und ganz großem Kino ...

Mathieu Amalric: (lacht) Wir hatten nicht viel Budget, stimmt. Aber ich wollte unbedingt mit 45mm-Film drehen. Die Ladies sind Königinnen, ihnen gebührt nur das Beste.

SKIP: Sie sind ein ganz großer Kinofan, auch Tournée ist voll von Zitaten und Anspielungen auf Cassavetes, Fellini und viele mehr. Lassen Sie sich beim Filmemachen von Ihren Lieblingswerken inspirieren?

Mathieu Amalric: Eher unterschwellig. Meine größte Inspirationsquelle ist das Leben. Wer nicht wirklich lebt, kann auch keine Filme machen.

SKIP: Die fünf Frauen gehen auf der Leinwand geradezu über vor Energie und Lebenskraft. War das in Wirklichkeit auch so?

Mathieu Amalric: Absolut. Besonders nachts. Sie sind Königinnen der Nacht - und Wracks in der Früh. Aber ist das nicht oft so? Man wacht morgens auf und denkt sich: "Ich will sterben! Ich bin so dumm! Wen habe ich gestern Nacht nur wieder geküsst? Und warum??“ Und kaum wird es dunkel, gehts von vorn los (lacht)!  Das ist genau, wo ich echte Schönheit finde - irgendwo zwischen Tag und Nacht.

Interview: Gini Brenner / Mai 2010

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.