Lass uns doch Fremde bleiben!

Interview mit Woody Allen zu Ich sehe den Mann deiner Träume

Es sind nicht die Neurosen, die Woody Allen zu einem der bekanntesten Regisseure der Welt gemacht haben, sondern vor allem seine präzisen Analysen menschlicher Schwächen. Die VIENNALE zeigt seinen neuesten Film - SKIP traf ihn in Cannes zum Interview.

SKIP: Sie zeigen in diesem Film Ehepaare aus zwei Generationen mit genau denselben Problemen ...

Woody Allen: Die politischen Probleme mögen sich im Lauf der Geschichte geändert haben, aber die Probleme mit den menschlichen Beziehungen, die wirklich existenziellen Probleme also, sind exakt die gleichen wie vor tausenden Jahren. Wir machen keinerlei Fortschritt in Bezug auf unsere Herzen.

SKIP: Warum lernen wir bei der Liebe nichts dazu?

Woody Allen: Sie ist einfach zu kompliziert! Ich habe das schon in Vicky Cristina Barcelona gesagt: Man lernt jemanden kennen und alles ist super - aber wenn man in nur einem kleinen Detail nicht zusammenpasst, dann beginnen bald die Schwierigkeiten. Wann immer jemand zu mir sagt: "Ich muss an meiner Beziehung arbeiten“, rate ich ihm gleich, die Sache zu beenden. Wenn man ständig an etwas arbeiten muss, wie soll man es denn dann genießen? Eine Beziehung ist doch keine Schulaufgabe.

SKIP: Wie haben Sie es geschafft, die richtige Frau zu treffen?

Woody Allen: Ich habe nie die richtige Frau gefunden! Dies ist ja bereits meine dritte Ehe. Ich habe zum ersten Mal geheiratet, als ich zwanzig war, das war komplett falsch. Dann habe ich Jahre später eine wundervolle Frau geheiratet, mit der ich immer noch befreundet bin, aber das war auch falsch. Zuletzt habe ich eine Frau geheiratet, die viel jünger ist als ich, die noch dazu die Adoptivtochter der Frau war, mit der ich damals zusammen war, und das landete dann in allen Zeitungen der Welt. Das war also auch eine Katastrophe. Aber trotzdem habe ich zumindest in diesem Fall nun Glück, weil sich meine Probleme und die Probleme meiner Frau ganz hervorragend ergänzen, wie sich herausgestellt hat. Deshalb habe ich eine glückliche Ehe, seit 13 Jahren und mit mittlerweile zwei Kindern. Obwohl ich einen Fehler nach dem anderen gemacht habe.

SKIP: In You Will Meet a Tall Dark Stranger verlässt Anthony Hopkins seine Frau für ein viel zu junges Mädl - haben Sie da eigene Erfahrungen verarbeitet?

Woody Allen: Naja, er hat ja seine Frau nicht verlassen, weil sie ihm zu alt war, sondern weil sie ihm das Gefühl gab, alt zu sein. Sie sagt ihm die ganze Zeit, tu das nicht, du bist nicht mehr 20, heb das nicht auf, das ist zu schwer für dich, iss das nicht - sie sagt ihm die ganze Zeit nur die ganz falschen Dinge.

SKIP: Ihre Frau sagt solche Sachen also nie zu Ihnen?

Woody Allen: Natürlich tut sie das. Aber dabei geht es um meine Hypochondrie. Darum, dass ich mich immer beklage. Dann schimpft sie, dass ich mich nicht wie ein Sechsjähriger benehmen soll. Sie findet, dass ich mich quasi stets in die "Krankheit der Woche“ reinsteigere.

SKIP: Wenn Sie Ihre Drehbücher schreiben, müssen Sie da aufpassen, dass es nicht zu autobiografisch wird?

Woody Allen: Von dem Tag an, an dem ich begonnen habe Filme zu machen, haben die Leute immer geglaubt, die Geschichten seien autobiografisch. Und ebenso oft habe ich allen erzählt, dass das überhaupt nicht so ist. Aber aus irgendeinem Grund will das keiner hören. Meine Filme sind niemals autobiografisch. Gerade dieser Film: Alles komplett erfunden! Ich kenne keinen dieser Menschen!

SKIP: Das heißt, Sie sind wohl auch nie bei einem Wahrsager gewesen wie Helena im Film?

Woody Allen: Das würde ich nie machen! Ich bin sehr wissenschaftsgläubig und kann an all diesen Hokuspokus einfach nicht glauben. Ich wünschte, ich könnte es. Es ist ein Geschenk, sich selbst so täuschen zu können. Ich wurde ja in eine recht religiöse Familie geboren, und alle meine Freunde waren auch immer recht religiös. Und ich dachte mir immer: Wie viel Glück haben die, dass sie Sachen einfach glauben können und nicht hinterfragen. Für mich ist es einfach die dümmste Sache der Welt. Schon allein all diese seltsamen Rituale ... (lacht)

SKIP: Würden Sie dann überhaupt einen Unterschied zwischen Religionen und Wahrsagerei sehen?

Woody Allen: Nein, nicht viel (lacht).

Interview: Kurt Zechner / Mai 2010

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