Ich bin ein Star, holt mich hier raus!

Interview mit Stephen Dorff zu Somewhere

Gestatten, Johnny Marco! Der unglückliche Filmstar Johnny ist für Stephen Dorff (Blade, Cecil B. DeMented, Public Enemies) die Rolle seines Lebens. SKIP fragte nach, wie nah ihm dieser Part eigentlich selber kommt.

SKIP: Somewhere ist auch ein kleiner Tribut an das legendäre Hollywood-Hotel Chateau Marmont. Sie selbst haben dort ja auch einmal gelebt, oder?

Stephen Dorff: Ja, Anfang der 90er. Ich hatte damals gerade in Europa Backbeat abgedreht und in L.A. keine Wohnung mehr, und bei meinen Eltern wollte ich auch nicht wohnen. Ich fand das Chateau immer cool, es ist wirklich DAS Hotel, in dem all die kreativen Leute immer waren, es hat eine ganz besondere Energie. Viele Leute im Film haben schon dort gearbeitet, als ich noch dort gewohnt habe. Und der Typ, der uns im Film auf der Gitarre was vorspielt, Romeo, der ist auch immer dort - und wenn wieder mal einmal ein großer Abend ist, dann klimpert er eben Michelle Pfeiffer oder wem auch immer was vor. Er spielt immer fürchterlich schlecht, mit der falsch gestimmten Gitarre, aber er hat diesen Charme, der ein fixer Bestandteil des Hotels ist.

SKIP: Während des Drehs haben Sie ja auch dort gewohnt, nicht wahr?

Stephen Dorff: Ja, Sofia wollte, dass ich blass aussehe, weil ich immer im Hotel bin und nicht viel schlafe. Darum hab ich mich auch wirklich bemüht, ich bin noch nie im Leben so müde und so verkatert ans Set gekommen wie zu Beginn dieses Films (lacht). Wenn ich im Film also verschlafen wirke, dann war ich das wirklich.

SKIP: Nach einer Reihe von Großproduktionen, in denen Sie mitgespielt haben, ist Somewhere dagegen ein kleiner, privater Film. Wie arbeitet Sofia Coppola?

Stephen Dorff: Sofia ist bekannt dafür, kurze Drehbücher zu schreiben, in denen einerseits präzise Dialoge stehen und andererseits dann wieder nur grobe Szenenbeschreibungen, aus denen sie mit den Darstellern dann erst den Text entwickelt. Ich muss im Film oft ohne Worte auskommen: Ich wollte Cleo (seiner Filmtochter, Anm.) sagen, dass ich sie lieb habe, ich wollte ihr sagen, dass ich ein beschissener Vater war, dass ich mich ändern will - aber Sofia wollte, dass ich das alles in meinen Blick lege. Das ist verdammt schwierig. Wir haben hier einen Film ohne Tricks, ohne Waffen, ohne Explosionen, ohne all das, was normalerweise in Filmen vorkommt. Es geht nur um diese zwei Leute und darum, herauszufinden, wo die in ihrem Leben stehen.

SKIP: Wie war die Arbeit mit Ihrem jungen Co-Star Elle Fanning?

Stephen Dorff: Es war unglaublich, ich hatte vorher noch nie in so vielen Szenen mit jemand so jungem gearbeitet, und ich war nervös deswegen - aber wir haben mühelos zusammengepasst. Elle ist ein wunderbares Mädchen, sie ist sehr talentiert, sie war meine Leading Lady. Ich hätte mir keinen besseren Co-Star wünschen können. Normalerweise kann ich gut loslassen, wenn etwas vorbei ist, aber nach diesem Film hab ich sie richtig vermisst, einmal hab ich sogar bei ihr angerufen. Ich glaub, sie hat sich ziemlich gewundert ... (lacht).

SKIP: Ihre Figur fühlt sich nicht wohl in der Rolle des Pop-Idols. Ist Ihnen dieses Gefühl vertraut?

Stephen Dorff: Ja, durchaus. Ich war ziemlich berühmt, als ich jünger war, und es gab Zeiten, in denen ich sehr einsam war. Ich hab nicht die Rollen bekommen, die ich spielen wollte, ich wollte keine Drecksfilme mehr machen, aber ich musste doch irgendwie mein Geld verdienen! Also hab ich eben auch in Filmen mitgemacht, über die ich überhaupt nicht glücklich bin.

SKIP: Alone in the Dark z. B.?

Stephen Dorff: Ich sag jetzt gar nichts (lacht). Aber zum Glück gibt es trotzdem nur ein paar wenige, bei denen ich mich innerlich winde, wenn sie im Fernsehen kommen. Aber ich habe viel mehr Freiheit in meinem Leben als Johnny, weil ich einfach nie ununterbrochen so berühmt war. Wenn ich zum Beispiel in London auf der Straße gehe, kann es schon sein, dass mir die Fans nachrennen. In New York aber eher nicht. Ich war total überrascht, wie grandios der Empfang der Fans in Venedig war. Sofia meinte, das fühlt sich an wie eine Twilight-Premiere (lacht). Also, wenn es passieren sollte, dass ich selbst einmal so gigantisch berühmt werde wie Johnny Marco im Film, dann bin ich glaub ich ganz gut darauf vorbereitet, weil ich schon weiß wie das System funktioniert. Für Johnny Marco ist seine Berühmtheit ganz plötzlich passiert, Bumm!, aus dem Nichts, aber ich glaube, Johnny wäre lieber für einen Film wie den hier von Sofia berühmt geworden, nicht für einen banalen Actionfilm mit viel Herumgeballer.

SKIP: Stimmt es eigentlich, dass Sie ursprünglich in Titanic mitspielen sollten, in der Rolle, in der Leo DiCaprio berühmt wurde?

Stephen Dorff: Das schreiben die Leute schon seit Jahren! Tatsache ist, ja, ich war einer von denen, die die Rolle angeboten bekommen haben, aber es gab mehrere - und James Cameron hat sich dann eben für Leonardo entschieden.

SKIP: Diese Phasen der Einsamkeit und Frustration - wie gehen Sie damit um?

Stephen Dorff: Ach, in Wahrheit hatte ich viel mehr Glück als die meisten Schauspieler. Ohne die absolute Top-Spitze zu erreichen, hab ich doch eine ziemlich solide Karriere gehabt bisher. Aber wenn man dann nur eindimensionale Actionrollen angeboten bekommt, ist das frustrierend. Ich war eben anderweitig kreativ, habe Musik gemacht und geschrieben, aber nach dem Ende eines Drehs bin ich jedesmal richtig paranoid, weil ich nicht weiß, was als nächstes kommt. Nur diesmal kann ich relativ gelassen sein, weil ich den Film so gut finde, und weil wir jetzt schon so viel Aufmerksamkeit bekommen.

SKIP: Was ist diesmal anders?

Stephen Dorff: Ich bekomme jetzt schon neue Angebote durch diesen Film!  Ich hab Sofia gesagt: „Hey, du hast mich wieder cool gemacht!“ Sie meinte zwar, „Nein, du warst immer cool“, aber sie hat mir wirklich geholfen. Ich hoffe sehr, dass ich wieder ein ähnliches Projekt finde. Das wird sicher nicht ganz leicht werden, denn es gibt nur wenige Filme in der Gewichtsklasse. Die Filme, in denen ich Rollen angeboten bekomme, sind meistens eher sowas wie Predators 3. Solche Filme sind schon auch okay - aber kreativ natürlich keine sonderlich große Herausforderung.

SKIP: Wie ist dieses Drehbuch eigentlich bei Ihnen gelandet? Haben Sie sich besonders darum bemüht?

Stephen Dorff: Nein, es kam völlig aus dem Nichts, und zwar genau zu einem Zeitpunkt, an dem ich selbst persönlich eine große Wandlung durchgemacht habe. Ich hab vor zwei Jahren meine Mutter verloren, sie hatte einen Gehirntumor. Das hat mein Leben komplett verändert. Ich war zwar bei der Arbeit immer auf den Job fokussiert, aber wenn ich nicht gearbeitet habe, war ich ein bisschen wie Johnny Marco, oft auf Parties. Doch nach dem Tod meiner Mutter durchlebte ich eine wirklich düstere Zeit. Und dann kam Sofia auf mich zu mit dieser Rolle, diesem Geschenk - völlig unerwartet. Es war auf den Tag genau ein Jahr, nachdem meine Mutter gestorben war. Ich bin mir sicher, dass meine Mum etwas damit zu tun hatte. Sie wollte immer, dass ich wieder einmal einen Guten spiele nach all den Schurkenrollen, und sie war überzeugt, dass ich einmal einen Vater spielen soll. Ich weiß, dass sie jetzt sehr stolz auf mich wäre.

Interview: Kurt Zechner / September 2010

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.

Wir benutzen COOKIES auf unserer Seite um die Benutzerfreundlichkeit zu erhöhen. Mit der Benutzung unserer Webseite stimmen sie dem Einsatz von Cookies zu.