Objekt der Begierde

Interview mit Abdellatif Kechiche zu Vénus noire

Sie wurde als Hottentotten-Venus angepriesen, von Wissenschaftlern vermessen, als Hure verscherbelt und landete am Ende im Naturgeschichtskabinett: Abdellatif Kechiche (Couscous mit Fisch) erzählt das Leben der leidgeprüften Südafrikanerin Saartije Baartman.

SKIP: Wie haben Sie von der Geschichte der Vénus noire erfahren?

Abdellatif Kechiche: Im Jahr 2000 hat Südafrika Frankreich offiziell um die Restitution ihrer sterblichen Überreste gebeten, um sie begraben zu können. Das wurde in der französischen Nationalversammlung heftig diskutiert, und ich verfolgte das damals in der Zeitung. Je mehr ich über diese Frau erfahren habe, desto mehr war ich überwältigt von ihrer außergewöhnlichen Geschichte, von all dem Leiden, das sie ertragen musste. Was mich aber noch mehr beeindruckt hat, war der Gipsabguss ihres Körpers, der noch immer im Museum steht. Der Ausdruck in ihrem Gesicht wirkt, als wäre sie lebendig - und ich fühlte eine moralische Verpflichtung, von diesem Leben zu erzählen, als könnte ich sie damit befreien.

SKIP: Wir erfahren in Vénus noire kaum etwas vom Privatleben von Saartije. Warum?

Abdellatif Kechiche: Von den fünf Jahren, die sie in Europa verbracht hat, war sie die meiste Zeit auf der Bühne, zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Wenn sie Feierabend hatte, suchte sie Entspannung im Alkohol. Ich wollte ihr Leben überhaupt nicht fiktionalisieren, ich habe alle Informationen aus offiziellen Dokumenten genommen, z. B. dass sie im Käfig aufgetreten ist, dass sie ein wildes Tier spielen musste. Ich kann mir natürlich vorstellen, dass sie sehr gelitten hat. Aber ich wollte ihr auch ihr Geheimnis lassen.

SKIP: Inwiefern ist diese Geschichte heute relevant?

Abdellatif Kechiche: Saartijes Leben und ihr Schicksal ist in vielerlei Hinsicht aktuell. Sie wurde erst vor wenigen Jahren begraben, und sie ist ein sehr starkes Symbol in Südafrika. Ihre Geschichte hat eine politische Dimension, die sehr zeitgemäß ist. In der letzten Dekade haben wir in ganz Europa fürchterliche Statements von Politikern gehört, und wir alle kennen die Konsequenzen, zu denen solche Aussagen in der Vergangenheit geführt haben. Wir dürfen nicht vergessen, dass es pseudowissenschaftliche Theorien waren, die den Aufstieg des Faschismus unterstützt haben. Dieser Film ist meine Art, auf Rassismus, Ausbeutung und Fremdenhass zu reagieren.

Interview: Magdalena Miedl / September 2010

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