Julianne speaking

Interview mit Julianne Moore zu The Kids Are All Right

Eine wie keine. In Venedig war die wunderbare Julianne Moore heuer nur als übergroßes Werbeplakat an der Seufzerbrücke präsent. Schade - doch dann läutete das SKIP-Redaktionshandy: Mitten im venezianischen Festivalstress rief Julianne an, um über ihren neuen Film The Kids Are All Right zu plaudern. Entzückend!

SKIP: Frau Moore, wir vermissen Sie in Venedig!

Julianne Moore: Ja, ich wäre gerne gekommen, aber ich bin gerade erst mit den Dreharbeiten zu Crazy Stupid Love fertig geworden, eine Komödie mit Steve Carell. Das war ganz wunderbar und witzig - aber jetzt muss ich mich mal wieder um meine Familie kümmern (lacht)!

SKIP: Zuerst startet bei uns aber The Kids Are All Right, und der erzählt von einer lesbischen Ehe. Ist dieses Faktum wichtig, oder ist es einfach die Geschichte einer Beziehung?

Julianne Moore: Ich glaube, diese Geschichte ist ziemlich universell. Für mich geht es in diesem Film vor allem um eine langjährige Beziehung, darüber, wie du dich fühlst, wenn du älter wirst und anfängst, dir Fragen zu stellen. Diese beiden Frauen sind seit 20 Jahren zusammen, sie haben gemeinsame Kinder, die Teenager sind und in den nächsten paar Jahren von daheim ausziehen werden. Das ist eine ganz normale, klassische Dynamik innerhalb einer Familie. Dass die beiden lesbisch sind, tut dabei nicht viel zur Sache.

SKIP: Woher kommt die Geschichte?

Julianne Moore: Lisa Cholodenko wollte von vornherein einen Film über zwei Frauen machen, die gemeinsam Kinder großziehen und schon lange miteinander zusammen sind. Lisa überlegte damals selbst, mit ihrer Freundin eine Familie zu gründen, vielleicht mit einem Samenspender, und Stuart Blumberg, der Ko-Autor, hörte davon und erzählte, dass er in seiner Collegezeit einmal Samenspender war. Daraus entwickelte sich die Grundidee. Und dass ein Kind, das aufwächst, einmal seinen biologischen Vater kennenlernen möchte, ist fast ein unvermeidlicher Schritt in diesem Prozess.

SKIP: Haben Sie schwule oder lesbische Paare mit Kindern in Ihrer Bekanntschaft?

Julianne Moore: Ja, einige. Gleichgeschlechtliche Paare sind in Amerika viel verbreiteter als man glauben möchte, das wird immer mehr zur Normalität. Meine Kinder wachsen in einer Welt auf, in der manche ihrer Freunde einfach zwei Mütter haben, oder zwei Väter, oder Mütter und Väter, die aus unterschiedlichen Beziehungen kommen, es gibt da alle möglichen Varianten. Die Leute stellen immer die Frage, ob Filme unsere Gesellschaft beeinflussen, aber ich denke es ist umgekehrt: Filme reflektieren die Gesellschaft, und genau das ist der Fall bei The Kids Are All Right.

SKIP: Ist das, was Ihre Figur Jules im Film erlebt, so etwas wie das "verflixte siebte Jahr“, das letztlich jedem passieren kann?

Julianne Moore: Nein, was sie erlebt, ist kein plötzliches Verlangen nach Abwechslung. Jules weiß nicht weiter, weil sich alles um sie verändert und ihr nicht klar ist, wie sie sich selbst ändern soll. Sie war immer der Elternteil, der daheim bei den Kindern geblieben ist, und jetzt, wo die Kinder erwachsen werden, verliert sie ihre Orientierung. Sie hat das Gefühl, von ihrer Partnerin nicht so gesehen zu werden wie sie das gerne hätte, sie versucht selbst herauszufinden, wer sie ist. Und da trifft sie diesen Typen, der sie endlich so wahrnimmt wie sie sich selbst.

SKIP: Jules ist ganz schön durcheinander!

Julianne Moore: Absolut (lacht)! Ich mochte die Figur, weil sie so kompliziert ist. Ich finde es zum Beispiel großartig wie sie alles, was schiefgeht, ihrem Gärtner vorwirft - und sie weigert sich, ihre Fehler selbst zuzugeben. Als Schauspieler bekommt man oft Figuren zu spielen, die ganz klar wissen, wo sie hinmüssen, diese hier weiß aber überhaupt nie, wo sie hin soll. Ihr entgleitet einfach alles, sie ist total zerbrechlich und hochemotional. Und genau so fühlen wir uns meistens im Leben, wenn wir in einer turbulenten Übergangszeit sind.

SKIP: Wie war es, mit Annette Bening als Leading Lady zu spielen?

Julianne Moore: Annette ist eine unglaubliche Schauspielerin, sie hat große komödiantische Fähigkeiten, und ich bewundere sie sehr. Es war eine tolle Erfahrung, gemeinsam in einem Film zu sein. Und dann kommt noch dazu: Wir sind beide seit langem verheiratet und sind beide Eltern, dieses Element einer Familienerfahrung war uns also beiden bekannt und vertraut.

SKIP: The Kids Are All Right erzählt von einer eher ungewöhnlichen Familie und ist doch zugänglich wie ein Mainstream-Film …

Julianne Moore: Ja, und genau darin liegt der Charme des Films! Die Art der Sexualität hat letztlich sehr wenig mit der Geschichte zu tun. Sobald man den Film sieht, wird klar, dass das ein universelles Thema ist. Jede Familie auf der Welt funktioniert irgendwie so, und das macht den Film so reizvoll, finde ich. Die Dynamik menschlicher Beziehungen, besonders in Familien, ist ungemein faszinierend, und das dramatische Material, das darin liegt, ist endlos. The Kids Are All Right handelt von einer Familie, die vordergründig ungewöhnlich wirkt, aber es wird einem schnell klar, dass daran gar nichts ungewöhnlich ist. Und die beiden sind ein besonders schönes, liebevolles Paar, das finde ich so wunderbar an dem Film.

Interview: Magdalena Miedl / September 2010

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