Bis ans Ende der Welt

Interview mit Viggo Mortensen zu The Road

Von Fantasy-König über Action-Held bis zu Sigmund Freud: Viggo Mortensen ist einer der vielseitigsten Charakterdarsteller der großen Leinwand. In The Road beeindruckt er mit wenigen Worten, beim SKIP-Exklusiv-Interview war er zum Glück gesprächiger.

SKIP: Viggo, Sie haben als Aragorn Mittelerde gerettet, sind in Hidalgo durch die Wüste geritten, haben sich für David Cronenberg in Tödliche Versprechen splitternackt verprügeln lassen und wandern nun in The Road durch ein total zerstörtes Amerika. Wonach suchen Sie Ihre Rollen aus?

Viggo Mortensen: Ich liebe Herausforderungen. Wenn ich ein Drehbuch lese und mir denke: "Uiii, ich weiß nicht, ob ich das zusammenbringe!“, dann ist das schon mal ein vielversprechender Ansatz (lacht).

SKIP: Was war die größte Herausforderung bei The Road?

Viggo Mortensen: Die ständige Spannung, unter der meine Filmfigur steht, aufrecht zu erhalten. Dieser Mann steht ständig unter Stress. Ähnlich wie ein Obdachloser: Der ist auch gezwungen, immer nur für den nächsten Moment zu leben. Was mache ich gegen den Hunger, die Nässe, die Kälte? Wie kann ich es verhindern, dass mir jemand meine Sachen wegnimmt, oder mir weh tut? Das hört nie auf. Und hat übrigens auch eine starke politische Komponente. Vergleichen Sie einmal eine Gesellschaft mit einer funktionierenden, staatlich organisierten Krankenversicherung, wie in Europa, mit einer ohne, wie in den USA. Wenn ich die Stiegen runterfalle und mir den Arm breche, dann kann ich in Europa einfach ins Krankenhaus gehen und man wird mich behandeln, und ich muss nicht dafür bezahlen. Das ist, weil man hier verstanden hat, dass das wertvollste Gut im Leben das Leben selbst ist. Gesundheit ist etwas Wesentliches, dafür sollte man nicht bezahlen müssen. In den USA dagegen hat jeder ständig Angst davor, krank zu werden, weil sich 90% der Menschen das schlicht nicht leisten können. Und deshalb gehen sie erst ins Krankenhaus, wenn es gar nicht mehr anders geht - und oft ist das zu spät. Ein Krankenhausaufenthalt kann schnell so teuer sein, dass man sein Haus verkaufen muss. Dank Obama wird sich das jetzt ändern, ich hoffe ausreichend. Denn ich bin überzeugt davon, dass dieser ständige Stress einen agressiv und gewalttätig macht. Dieser Zustand ist allerdings sehr praktisch für die politischen Machthaber, weil der ständige Druck Kraft kostet und passiv macht.

SKIP: In der Romanvorlage entwirft Cormac McCarthy ein sehr düsteres Bild von der Zukunft der Menscheit. Hat er Ihre persönliche Vision verändert?

Viggo Mortensen: Wenn, dann hat mich seine Geschichte eher bestärkt. Wir steuern dem Abgrund zu - aber die letzte Klimaschutz-Konferenz hat wieder deutlich gezeigt, dass die Machthaber nicht wirklich an einer Lösung interessiert sind. Alles, was man hört, ist: "Wir können keine einschneidenen Maßnahmen treffen, sonst würden wir unsere gesamte Wirtschaft gefährden!“ Ich dagegen finde, man sollte alles tun, was möglich ist, um die Umwelt zu retten. Scheiß auf die Wirtschaft. Die Wirtschaft ist doch eh schon im Arsch. Jetzt müssen wir Menschen schauen, wo wir bleiben. Aber irgendjemand muss damit anfangen.

SKIP: Die apokalyptischen Settings in The Road sind nicht im Studio nachgebaut worden, sondern echt, nicht wahr?

Viggo Mortensen: Ja, das waren alles Originalschauplätze. Die Szenen in den verfallenen Städten haben wir in New Orleans gedreht, in Gegenden, die vom Hurrican Kathrina zerstört wurden und seitdem einfach verlassen sind. Es war sehr beeindruckend und sehr beklemmend, dort zu arbeiten.

SKIP: Wenn man Sie so ausgemergelt in The Road sieht, ist es kaum vorstellbar, dass Sie gerade als Sigmund Freud vor der Kamera stehen - und doch waren Sie, als wir Sie am Set besucht haben, unverkennbar als durchaus wohlbeleibter Psychiater ...

Viggo Mortensen: Bei mir stellt sich beim Schauspielen irgendwann mal ein Schalter um, dann bin ich richtig in einer Rolle drin - und wenn das so ist, dann stellt sich nicht nur mein Geist, sondern auch mein Körper automatisch auf die Figur ein, die ich spiele. Das kann ich nicht wirklich erklären, aber es ist so. Das ist wohl die Magie des Kinos (grinst).

Interview: Gini Brenner / September 2009

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