Nachtschicht

Interview mit Nikolaus Geyrhalter zu Abendland

Mit wohlgesetzter Kamera blickt Nikolaus Geyrhalter in seinen Dokus wie Das Jahr nach Dayton, Unser täglich Brot oder 7915 Km hinter die Kulisse des Offensichtlichen. SKIP sprach mit ihm über seine filmische Reise durch die europäische Nacht.

SKIP: Wie bist du auf die Idee für diesen Film gekommen?

Nikolaus Geyrhalter: Ich wollte schon lang einen Film über Europa machen, über unsere Existenz. Ein großes Thema, das eine Einschränkung braucht – also entschieden wir uns dafür, nur in der Nacht zu drehen. In der Nacht ist es ja so, dass die wesentlichen Funktionen, die das System am Laufen erhalten, ja trotzdem passieren.

SKIP: Wie seid ihr auf die vielen faszinierenden Locations gekommen?

Nikolaus Geyrhalter: Es gab ein paar Themen, die mir wichtig waren, um den Film zu lenken, wie zum Beispiel die Grenze. Ausgehend davon hat ein Team von drei Leuten in ganz Europa recherchiert und Schauplätze gefunden. Für mich erzählt der Film ja in Wirklichkeit zwei Geschichten: Die vom Drinnen und die vom Draußen.

SKIP: Und so bekommen Dinge wie die Versorgung von Oktoberfest-Alkleichen, die Flughafenreinigung und das Boarding eines Abschiebeflugs eine beängstigende gemeinsame Klammer, quasi als "Europa-Maintenance" ...

Nikolaus Geyrhalter: Genau. Beides verläuft sehr diskret, alle sind froh, dass es passiert, aber keiner macht sich darüber Gedanken. Um so wichtiger war es mir, auf Dinge zu zeigen, von denen wir alle wissen, dass sie eh passieren, aber keiner wirklich sieht, wie sie ablaufen.

SKIP: Wie seid ihr da formal vorgegangen? Habt ihr euch bestimmte Strukturen vorgegeben?

Nikolaus Geyrhalter: Der Schnitt war ein langer und auch offener Prozess, und am Schluss hat sich herausgestellt, welcher Weg der Richtige ist. Dieser Film soll eine sehr persönliche Reise sein, aber doch so neutral, dass ihn auch das Publikum als solche wahrnehmen kann.

SKIP: Wie schwierig war es, Drehgenehmigungen zu bekommen?

Nikolaus Geyrhalter: Es war ein unheimlicher Aufwand. Um den Dreh in der Eurofighter-Werkshalle z. B. haben wir uns sehr lange bemüht. Und der Abschiebeflug in Wien war das einzige, wo wir keine Drehgenehmigung bekommen haben. Wir haben zwei Jahre lang in ganz Europa versucht, eine Abschiebung filmen zu dürfen, ohne Erfolg.

SKIP: Und wie habt ihr die Szene dann gedreht?

Nikolaus Geyrhalter: Ohne Genehmigung eben. Wenn man sich in der Menschenrechtsszene ein bissl umhört, ist es einfach, zu erfahren, wann und wo diese Flüge stattfinden. Das sind mittlerweile spezielle Charterflüge. Ein Drittel der Abschiebeflüge aus Europa wird übrigens in Wien organisiert, da sind wir richtige Streber. Das ist ziemlich spooky, in einem abgelegenen Eck des Flughafens, überall ist Polizei ... es spricht für sich, dass das nicht gezeigt werden soll. Ich glaube, wenn man wirklich den Menschen in die Augen schauen würde, die da in die Maschine reingetragen und zur Ausreise gezwungen werden, dann würde sich die Stimmung in der Bevölkerung schlagartig ändern.

Interview: Gini Brenner / Februar 2011

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