Back to the roots

Interview mit Stephen J. AndersonDon Hall zu Winnie Puuh

Warum dieser Winnie Puuh gleich auf den ersten Blick um ein Eck liebenswürdiger wirkt als in seinen letzten Filmauftritten? Die Antwort heißt John Lasseter. Als Chef der Disney Animationsfilmabteilung hat er darauf geachtet, dass sich die Zeichner und Filmemacher auf die Wurzeln der Figuren rückbesinnen. SKIP hat sich im Gespräch mit den Regisseuren ganz genau erkundigt, was an diesem Film so besonders ist.

SKIP: Winnie Puuh ist ein richtig altmodischer Film geworden, im allerbesten Sinne. Wie habt ihr es geschafft, dass der Film trotzdem nicht wirkt, als wäre aus den 50er-Jahren?

Don Hall: John Lasseter hat als Motto ausgegeben "Zurück zu den Wurzeln", und damit waren wir komplett einverstanden. Wir haben also zuerst mal die beiden Milne-Bücher gelesen aus 1926 und 1928 - und ich war total überrascht, wie humorvoll die sind!

Stephen J. Anderson: Natürlich haben wir uns auch die Disney-Filme aus den 1960ern angeschaut (Winnie Puuh und der Honigbaum, 1966, und Winnie Puuh und das Hundewetter, 1968, Anm.) und daran orientiert. Wir wollten alles nur ein kleines bisschen weiterentwickeln, die Grenzen der Figuren ein bisschen erweitern: Rabbit wurde noch mehr zum Kontrollfreak, die Eule noch eine Spur mehr von sich selbst eingenommen, wir haben Ferkels furchtsame Natur so richtig rausgestrichen - er muss schließlich auf der Jagd nach dem Balzrück über sich hinauswachsen. Bernie (Mattinson, ein Disney-Veteran, der schon an den Originalfilmen mitgearbeitet hat und beim aktuellen Film fürs Drehbuch verantwortlich war, Anm.) hat immer aufgepasst, dass wirs nicht übertreiben und unser Film plötzlich wirkt wie ein Looney-Tunes-Cartoon.

Don Hall: Man will den Hundertmorgenwald ja gar nicht verändert sehen mit Handys oder anderem modernen Zeugs. Die Welt rundherum ändert sich, aber dieser Wald bleibt gleich. Und auch die Figuren sollen sich nicht verändern, sie sollen ja auch nicht wirklich was dazulernen, damit man einfach immer wieder neue Stories mit ihnen erzählen kann.

Stephen J. Anderson: Würde man einen Menschen aufspalten, man bekäme für jeden Charakterzug eine dieser Figuren: Angst - Ferkel, Ego - Eule, Kontrolle - Rabbit, Optimismus - Puuh, Pessimismus - I-Aah, Unabhängigkeit - Tigger und so weiter. Und das macht diese Figuren so zeitlos und universell. Egal, wie man sich gerade fühlt, einer dieser Kerle trifft sicher gerade die eigene Stimmung, und mit dem fühlt man sich dann verbunden.

Don Hall: Genau, und weil sich das menschliche Befinden eben nicht ändert, dürfen sich auch Winnie, Tigger und die anderen nie wirklich ändern, nur ganz sanft, wenn überhaupt.

SKIP: Die Hintergründe im Film, der Wald, die Stimmungen, sind wunderschön gezeichnet, wie mit Wasserfarben ...

Don Hall: In den Original-Filmen wurden die Hintergründe ja wirklich mit Wasserfarben gemalt, und diesen Look wollten wir haben. Wasserfarben sind allerdings ein sehr heikles Medium - wenn man einen kleinen Patzer im Bild hat, muss man es komplett wegwerfen und wieder von vorne beginnen. Deshalb enstanden unsere Backgrounds mit "digitalen Wasserfarben" auf Tablets. 2009 waren wir ja schon einmal hier im "echten" Hundertmorgenwald und haben dieses besondere, softe Licht eingefangen. Damals wurde Aquarellbilder angefertig, die uns dann als Vorlage gedient haben.

Stephen J. Anderson: Das klingt vielleicht nach einem Schmäh, dass wir extra hierherfahren, um den Wald anzuschauen. Aber dabei gehts um ganz kleine Details, durch die sich ein Wald sagen wir in Kalifornien von einem in Sussex unterscheidet. Es lässt sich schwer artikulieren, aber man sieht und spürt den Unterschied. Hätten wir einfach einen kalifornischen Wald genommen, es wäre nicht dasselbe gewesen.

SKIP: Winnie Puuh ist ja eine zutiefst englische Geschichte, geradezu Kulturerbe. War das eine Bürde für euch als Amerikaner?

Don Hall: Nein, das würde ich nicht sagen. Wir wollten dem aber jedenfalls Rechnung tragen. Christopher Robin sollte zum Beispiel unbedingt von einem englischen Kind gesprochen werden, nicht von einem amerikanischen Kind, das versucht, wie ein englisches zu sprechen.

Stephen J. Anderson: Wir wollten sowohl den Disney-Puuh-Filmen aus den Sechzigern gerecht werden, als auch den Milne-Büchern treu bleiben und dem Ashdown Forest. Wir haben es ja praktisch mit einer Literarturverfilmung zu tun. Und da haben wir uns natürlich intensiv mit den Büchern beschäftig und mit der Geschichte hinter den Büchern.

SKIP: Und ihr habt John Cleese als Erzähler genommen ...

Stephen J. Anderson: Wir wollten eine warme, schöne, englische Stimme. Und John Cleese? Meine Güte, den bewundern wir so sehr. Wir waren wahnsinnig aufgeregt, mit ihm zu arbeiten!

SKIP: Wie teilt ihr euch die Arbeit eigentlich auf?

Don Hall: Manche Regisseur-Teams teilen sich die Arbeit einfach, aber wir haben immer alles gemeinsam erledigt.

Stephen J. Anderson: Wenn wir unabhängig von einander gearbeitet hätten, hätten wir uns ja irgendwann erst recht zusammensetzen und uns abstimmen müssen. Für uns hat es sich richtiger angefühlt, immer Hand in Hand vorzugehen. So ist immer jeder am selben Level.

SKIP: Warum sind gerade bei Animationsfilmen oft zwei Regisseure beschäftigt? Bei Live-Action gibts das ja kaum.

Don Hall: Das ist eine gute Frage. Das hat sich irgendwann mal so eingebürgert, offenbar. Es ist halt so, dass Animationsfilme eine enorm lange Produktionszeit haben, locker vier oder fünf Jahre. Dieser hier war in zwei Jahren fertig, was außergewöhnlich schnell ist. Wenn man zwei Regisseure hat, hoffen die Produzenten wohl, dass man nicht so schnell burn out kriegt.

SKIP: Habt ihr immer schon als Team gearbeitet?

Don Hall: Nein, John Lasseter hat uns zusammengebracht. Wir haben uns schon bei Tarzan kennengelernt und auch an anderen Filmen immer wieder zusammengarbeitet, Ein Königreich für ein Lama, Bärenbrüder, Meet the Robinsons. Und wir sind immer gut miteinander ausgekommen - das war wohl der Ausschlag für John.

SKIP: Apropos John Lasseter: Seit er Chef der Animations-Abteilung bei Disney ist, gabs da spürbare Veränderungen für euch als Mitarbeiter?

Don Hall: Ja.

SKIP: Positive?

Don Hall: Ja.

SKIP: Gibts vielleicht noch mehr dazu zu sagen?

Don Hall: Ja, klar, ich möchte es nur richtig formulieren ... also: John ist der größte Cheerleader der Animation, den es je gegeben hat und den es je geben wird. Niemand liebt den Animationsfilm mehr als er. Ihn als Anführer zu haben, heißt, nie seine Motive in Frage stellen zu müssen. Er ist genauso ein Riesenfan der Arbeit wie wir selbst. Er ist selber ein Filmemacher, er kennt den Prozess, die Abläufe. Es sind zwar viele Leute im Studio immer noch die gleichen wir vor seiner Ernennung, aber er hat einen profunden Wandel in der Unternehmenskultur zu Disney mitgebracht. Es ist so, dass sich nun jeder für alles verantwortlich fühlt. Das hatten wir früher nicht, da war alles mehr eigenbrödlerisch. Heute geht es nicht mehr um Egos, sondern einfach nur darum, am Ende den bestmöglichen Film zu haben.

Stephen J. Anderson: Ich möchte jetzt nicht überdramatisieren, aber es ist einfach so: Es ist das erste Mal seit Walt Disney, dass ein Filmemacher das Studio leitet. Und das sagt doch eigentlich schon alles!

Interview: Dina Maestrelli / März 2011

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