"Brad Pitt bin ich wirklich keiner."

Interview mit Paul Giamatti zu Barney's Version

Er sieht zwar nicht aus wie der strahlende Held, aber irgendwer muss schließlich auch die Normalos spielen. Und kaum einer kann das so großartig wie Paul Giamatti (43). Mit Barney’s Version brachte er den ganzen Lido zum Lachen und zum Weinen.

SKIP: Barney’s Version ist die ebenso bewegende wie bewegte Biographie eines fiktiven TV-Producers - wie ist das, wenn man eine Rolle spielt, die im Verlauf des Films über 30 Jahre durchlebt?

Paul Giamatti: Das Schwierigste daran ist, dass man optisch und von den Bewegungen her altern muss, ohne gleich wie eine Comicfigur zu wirken. Ich spiele ja gerne alte Männer. Als ich in die Schauspielschule ging, gab man mir immer die Rollen der alten Männer. Vermutlich weil ich immer schon so aussah, als wäre ich über 40 - auch als ich gerade mal 20 war (lacht). Aber ich mache das auch echt gerne, es ist spannend und fordernd. Man darf halt nicht übertreiben.

SKIP: Und das dafür nötige Make-up macht Ihnen nichts aus?

Paul Giamatti: Nein, ich steh da drauf! Schon allein, weil es einem sehr viel Arbeit abnimmt, speziell beim Film. Wenn das Make-up gut ist, kann man nicht mehr ganz so viel falsch machen. Ich trag das Zeug jedenfalls gerne, obwohl es schon sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, das zu applizieren. Was mich allerdings ein bisschen fertig gemacht hat war, dass mein echtes Haar erst dann perfekt für die Rolle war, als ich den Barney mit 60 gespielt habe (lacht). Die Jahre davor musste ich mit Perücken arbeiten.

SKIP: Wie viel von Ihnen selbst liegt eigentlich in diesem Part? Man hat irgendwie das Gefühl, dass da ein bisschen was von Ihnen versteckt sein könnte ...

Paul Giamatti: Ich nehme das jetzt als großes Kompliment, denn das heißt, Sie haben mir meine Rolle wirklich geglaubt (lacht). Aber ehrlich gesagt kann ich nicht sagen, dass ich je eine Figur gespielt habe, die mir besonders ähnlich gewesen wäre. Klar ist immer ein Teil von mir drin, aber das passiert eher unbewusst. Ich halte mich für einen ziemlich langweiligen Menschen, also kommt mir sowieso jeder Charakter, den ich verkörpere, unglaublich aufregend vor (lacht). Ich kann saufen und meistens auch rumhuren in meinen Filmen, und das fühlt sich alles viel größer und besser an als alles, was in meinem Privatleben passiert (lacht).

SKIP: Wie glücklich sind Sie überhaupt generell mit den Sachen, die man Ihnen so anbietet?

Paul Giamatti: Sehr! Ich hätte mir früher nie träumen lassen, dass einer wie ich jemals eine Filmkarriere haben könnte oder als Stargast auf einem großen Festival wie Venedig dazu eingeladen würde, fein rumzuhängen und ein bisschen zu plaudern. Das ist großartig! Ich bekomme gratis zu trinken, alle sind nett zu mir, was soll ich mich beschweren (lacht)? Nein ernsthaft: Ich kriege sehr viele schöne Hauptrollen angeboten mittlerweile, aber bei den Nebenrolle hab ich noch viel mehr Bandbreite. Bei den Nebenrollen lässt man mich heute wirklich alles machen. Ich hoffe, das bleibt so.

SKIP: Und macht es Ihnen nichts aus, wenn Sie von der Presse mit Headlines wie "Mr. Potato Face“ (Mr. Kartoffelgesicht) bedacht werden?

Paul Giamatti: (lacht) Nein, nicht wirklich. Brad Pitt bin ich nun mal wirklich keiner - aber damit gehts mir genauso wie 99,9% der Menschheit.

SKIP: Sie spielen oft vom Schicksal gebeutelte und auch ein bisschen lächerliche Charaktere. Fühlen Sie sich nicht manchmal auf eine Rolle fixiert?

Paul Giamatti: Natürlich ist vieles von dem Zeug, das ich bekomme, sehr ähnlich, und die Rollen kreisen meist um einen schwierigen, launischen und ambivalenten Charakter. Der Antiheld im klassischen Sinne. Aber andererseits sind doch gerade diese Parts so viel interessanter als alles andere! Für mich ist das also eine recht gute Ausgangsbasis für die Nische, in die ich gedrängt werde (lacht). Ich sehe hier die meisten Möglichkeiten und bin gar nicht traurig, wenn ich immer wieder solche Figuren angeboten bekomme. Außerdem: Was wäre denn die Alternative? Etwa ein Mensch, der einfach nur glücklich ist? Solche Charaktere werden nicht sehr häufig geschrieben. Und nicht nur, weil so ein rundum glücklicher Typ enorm schwierig zu spielen wäre - sondern auch, weil das zum Zusehen wohl auch nicht so interessant ist (lacht).

SKIP: Barney’s Version hat hier in Venedig alle zum Heulen gebracht vor Rührung - aber auch gelacht wurde viel. War die Buchvorlage auch schon so witzig?

Paul Giamatti: Jaja, das Buch ist sehr lustig. Es freut mich, dass Sie es witzig fanden, ich habe gehofft, dass ich auch die richtige Portion Humor mitbringe.

SKIP: Ist es eigentlich generell schwierig, guten Komödienstoff zu finden?

Paul Giamatti: Ja, schon, auf alle Fälle. Gerade bei den Komödien sind die guten Skripts äußerst rar. Es gibt ja auch viel mehr lahme Witze als wirklich gute. Ich fühle mich jedenfalls generell nicht unbefriedigt mit der Bandbreite an Sachen, die mir angeboten werden. Und es kann halt nicht immer Der Pate auf deinem Schreibtisch landen.

Interview: Kurt Zechner / September 2010

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